Der Zuzwiler Mammutbaum ist nicht mehr

UMSTRITTENE FÄLLUNG ⋅ Genau 38 Jahre alt ist der Mammutbaum mitten in Zuzwil geworden. Gestern um 8.52 Uhr stürze er in die Waagerechte und wurde im Verlauf des Tages nach Oberuzwil transportiert. Was kaum einer weiss: In der Gemeinde gibt es trotzdem noch zwei Mammutbäume.
05. Oktober 2017, 10:55
Simon Dudle

Simon Dudle

simon.dudle@wilerzeitung.ch

Ein Baum sorgt für eine emotionale Kontroverse in Zuzwil. Nachdem Gemeindepräsident Roland Hardegger am Dienstag nach Bekanntwerden der bevorstehenden Fällaktion («Wiler Zeitung» von gestern) teilweise gehässige Reaktionen erhalten hatte, entschied er sich, für das letzte Stündchen des Mammutbaums die Polizei aufzubieten. Diese erschien dann gestern Morgen auch, zog aber bald wieder von dannen. Denn die Fällung verlief ohne Zwischenfälle. Mitarbeiter des Forstbetriebs Staatswald St.Gallen sägten zuerst die untersten Äste des Baums ab und brachten ihn dann zu Fall. Nicht einmal eine Stunde dauerte es, bis er wie geplant Richtung Süden stürzte.

Danach konnten erstmals die genauen Masse des Mammutbaums gemessen werden: 21 Meter hoch, der Stamm fast 2 Meter dick, 38 Jahre alt, geschätzte 7 bis 8 Tonnen schwer. Zudem wurde festgestellt, dass er im Stamm an zwei Stellen faul war. «Das bekräftigt unseren Entscheid, dass die Sicherheit nicht gewährleistet war und der Baum irgendwann sowieso hätte weichen müssen. Es ist möglich, dass er in zwei bis drei Jahren ganz verfault wäre», sagte der ­zuständige Revierförster Bruno Cozzio. «Schade um den Baum. Aber die Sicherheit geht vor. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende», sagte Gemeindepräsident Hardegger.

Der grösste Mammutbaum steht in Uzwil

Weichen muss der Baum einer Bushaltestelle, die bis in rund einem Monat fertiggestellt sein soll. Über 200 Personen hatten sich mittels Unterschrift gegen eine Fällung gewehrt. Einige haben noch am Dienstagnachmittag ein letztes Mal um den Baum getanzt. Als dieser am Mittwoch fiel, war dann von den Petitionären aber niemand vor Ort.

Auch wenn ein Ersatzbaum gepflanzt wird: Das Ortsbild von Zuzwil ist seit gestern um ein Wahrzeichen ärmer. Allerdings gibt es in der Gemeinde trotzdem noch zwei der seltenen Mammutbäume: Sie stehen unweit voneinander im Zuz­wiler Waldgebiet Tüfenwies. Der grösste Mammutbaum der Region wächst laut Cozzio bei der Villa Tasso in Uzwil.
 

Kommentar: Zuzwil hat ein Luxusproblem

Bäume sorgen immer wieder für Ärger. Wenn es nicht wie in Zuzwil ums Fällen geht, dann um das lautstarke Beseitigen von Laub im Herbst oder um einen Ast, der von einem Grundstück auf das andere hinüberragt und für rote Köpfe sorgt. Diese Emotionen kommen nicht von ungefähr. Denn mit Bäumen sind häufig viele Erinnerungen verbunden – nicht selten an die gute alte Zeit. Die Bedeutung ist nicht zu unterschätzen.

An der Kontroverse um den nun gefällten Mammutbaum lässt sich ablesen: Zuzwil hat ein Luxusproblem. Wenn in der Bevölkerung derart viel Zeit und Energie vorhanden ist, um für den Erhalt eines Baumes zu kämpfen, scheint sonst nicht viel im Argen liegen. Andernorts wäre man froh, man könnte sich um solche Probleme kümmern.

Entbrannt ist in den vergangenen Wochen und vor allem Tagen eine hitzige Diskussion zwischen über 200 Bürgern, die sich mit Unterschriften für den Erhalt des Baumes eingesetzt haben, und dem Gemeinderat. In Tat und Wahrheit ist der Einfluss der Behörde in diesem Fall aber beschränkt. Denn der prächtige Mammutbaum stand mitten im Dorf auf privatem Boden der Firma ABB. Was dort geschieht, bestimmt zu einem grossen Teil das Unternehmen. Auch bei der Entscheidung, wann und wo der Ersatzbaum gepflanzt wird, haben weder Dorfbewohner noch Behörde das letzte Wort. Es ist gut, wichtig und richtig, wenn engagierte Stimmbürger die Instrumente der direkten Demokratie nützen und mit Unterschriften auf Missstände aufmerksam machen. Irgendwo hat es aber Grenzen. Ansonsten sammelt bald jeder Unterschriften, wenn ihm der Baum des Nachbarn nicht gefällt. (sdu)

simon.dudle@wilerzeitung.ch


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