«Wir verstecken nichts»

MISSBRAUCH ⋅ Im Kapuzinerkloster Wil lebt ein Bruder aus dem Welschland, der sich dort an Kindern vergangen hatte und verurteilt worden war. Mit dem Buch «Mon Pére, je vous pardonne» kommt nun alles wieder hoch.
17. Februar 2017, 05:38
Hans Suter

Hans Suter

hans.suter@wilerzeitung.ch

Die Sonne strahlte gestern Nachmittag auf das Wiler Kapuzinerkloster, so fest sie nur konnte. Die aufkommenden Glücksgefühle erstickten aber sogleich im Keim. Anstelle des hellen Vorfrühlings kehrte ein Stück dunkler Vergangenheit zurück. Was war vorgefallen?

Die Antwort hat fünf Worte: «Mon Père, je vous pardonne» (Mein Vater, ich verzeihe Ihnen). Dies ist der Titel eines Buches, das dieser Tage erscheint. Darin arbeitet Daniel Pittet auf, was er als Missbrauchsopfer erlitten hatte. Er war eines von 20 Kindern in der Westschweiz und in Frankreich, an denen sich der damalige Pater Joel vergangen hatte. Seit 2002 ist das Vorgefallene öffentlich. Der Pater wurde abgeurteilt und verliess später die Westschweiz. Durch das Buch ist nun bekannt geworden: Bruder Joel lebt seit Ende 2008 im Kapuzinerkloster in Wil.

Bruder Josef Haselbach erinnert sich gut an die Anfrage, Bruder Joel im Kloster in Wil aufzunehmen. «Es war kein einfacher Entscheid», gesteht der Guardian des Kapuzinerklosters Wil offenherzig. «Aber wir stellten und stellen uns weiterhin auf den Standpunkt, dass Bruder Joel trotz seiner schweren Vergehen ein Mitglied unserer Kapuzinergemeinschaft ist.» Der gesundheitlich angeschlagene Ordensmann geht am Rollator und braucht pflegerische Unterstützung. Diese kann man ihm im Alterskloster in Wil bieten. Hier leben derzeit um die 20 Brüder im Alter zwischen 54 und 100 Jahren. Das Durschnittsalter liegt bei knapp 81 Jahren.

Trotz Fehlverhalten ein Familienmitglied

Bruder Joel wurde mit einem lebenslangen Berufsverbot belegt. «Ein Ausschluss aus dem Orden, zusammen mit dem Berufsverbot, hätte ihn zu einem Sozialfall und öffentlichen Pflegefall gemacht», sagt Bruder Josef. Das dürfe nicht sein, trotz der Verfehlungen. Zudem könne er so besser begleitet und betreut werden.Die Gemeinschaft hat deshalb entschieden: «Bruder Joel ist ein Mitglied unserer Kapuzinergemeinschaft und bleibt es, wie jemand aus der eigenen Familie, der sich eines Fehlverhaltens schuldig gemacht hat, Familienmitglied bleibt.» Haselbach erinnert an Ordensgründer Franz von Assisi, der diese geschwisterliche Haltung auch gegenüber fehlbaren Mitbrüdern angemahnt habe. «Und es gibt eine Geschichte von Jesus, in der er dem schwarzen Schaf nicht einen Fusstritt gibt, sondern ihm nachgeht.»

Trotz aller Nächstenliebe stellen der Guardian und seine Mitbrüder unmissverständlich klar: «Wir befürworten alle Massnahmen, die zur Aufarbeitung der schlimmen Verwundungen der Opfer getroffen werden, und hoffen, dass durch das Buch dem Autor und weiteren Opfern ein weiterer Schritt der Verarbeitung gelingt.» Das gilt generell für die Auseinandersetzung mit dem bedrückenden Thema. «Wir kommunizieren offen, wir verstecken nichts», sagt Josef Haselbach.

Der 76-jährige Pater Joel nimmt aktiv am strukturierten klösterlichen Leben teil, bleibt aber oft ruhig. «Das mag auch ­daran liegen, dass er nicht so gut Deutsch versteht», sagt der Guardian. Er drücke sich in der Fotografie aus, gestalte monatlich wechselnde Fotoausstellungen im Speisesaal. «Von der Gemeinschaft ist er akzeptiert.»


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