Kammerchor Wil: Dem Vater ganz nah

Mit dem Titel «Pater noster» gelang dem Kammerchor Wil am Sonntagabend ein bemerkenswertes Konzert. Auf dem Programm standen Vaterunser-Vertonungen aus mehreren Jahrhunderten.
28. Oktober 2014, 02:37
CAROLA NADLER

WIL. Das prächtige Herbstwetter schaffte es an Sonntagfrühabend nicht, die Wiler vom Konzertbesuch abzuhalten: Die Stadtkirche St. Nikolaus war bis auf den letzten Platz gefüllt. Diejenigen, die später kamen, mussten sich mit Stehplätzen zufrieden geben.

Das Konzertprogramm des Kammerchors Wil reihte nicht nur die verschiedenen Vaterunser-Vertonungen aneinander, sondern stellte diese vielmehr in einen ganzheitlichen Kontext. Wolfgang Sieber an der Orgel leitete jeweils mit diskreten Improvisationen zu den Texten über, die Schauspieler Walter Küng vereinzelt zwischen den Kompositionen vortrug.

Gute Programmgestaltung

Mit dem Programm hatte sich der Kammerchor einer sehr hohen Anforderung gestellt, denn es ist extrem schwierig, zwischen den unterschiedlichen Gesangsstilen verschiedener Jahrhunderte zu «switchen» und dabei dem jeweiligen Interpretationsstil gerecht zu werden. Doch Dirigentin Felicitas Gadient wusste um die Fähigkeiten ihres Chores und führte diesen zu Höchstleistungen. Dies war auch der geschickten Zusammenstellung zu verdanken: Das Programm war nicht chronologisch, sondern dem Charakter nach in Gruppen, ähnlich Bildinstallationen, zusammengestellt.

Hohe Präsenz und Stilsicherheit

So standen am Beginn des Konzertes mit einem gregorianischen Choral, einer Notre-Père-Komposition von Maurice Duruflé (französischer Impressionismus) und einem Cantate Domino des zeitgenössischen Arvo Pärt drei Werke auf dem Programm, die mit ihrer ätherischen Transparenz durch den Kirchenraum zu schweben schienen. Der Kammerchor zeigte hier höchste Präsenz und Stilsicherheit. Zu Beginn des Konzerts verlas Walter Küng eine leicht modernisierte Version des Vaterunser-Gebetes. Dabei versank er aber nicht in frömmelnde Demut, sondern stand als selbstbewusster Gläubiger seinem Vater gegenüber und forderte sein Geburtsrecht ein: nach Schutz und Versorgung. Aus der russisch-orthodoxen Kirche erklang ein Vaterunser von Nikolai Kedrov, das von der typischen Schwere dieser Sakralmusik geprägt war. Besonders hervor stach später die Komposition «Pater noster» für Sprecher, Chor und Orgel von Wolfgang Sieber, eine Zwiesprache des Gläubigen mit seinem Vater. Nach weiteren Werken stand am Ende Giuseppe Verdis «Pater noster», eine für diesen Komponisten eher unerwartete, introvertierte Umsetzung des Textes.


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