Gehen zu können bedeutet Freiheit

Vom einfachen Verreisen und vom Auswandern ohne Retour-Billett handelt die Inszenierung «Weg einfach» des Sirnacher «Theater Jetzt!». Dazu spürte Theaterleiter Oliver Kühn vier Realschicksale auf. Am Freitag war in Wängi Premiere und die Vernissage zur Ausstellung.
21. September 2009, 01:05
Michael Hug

wängI. Es gibt skurrile Szenen zu sehen bei «Weg einfach»: Der zappelnde Metzgerlehrling am Fleischhaken. Der ans Krankenbett gefesselte Kantonsrat in Krawatte und Kittel. Beide sind bedauernswert immobil, aber das Träumen haben sie nicht vergessen. Auch die Waise Martha Stadlmair plant ihren Wegzug. Vom Schicksal gebrandmarkt und vom Kleinbürgertum diskreditiert, hat sie nur noch einen Gedanken im Kopf: «Ich lasse mir in Italien ein Kind machen. » Einen Blick in die grosse weite Welt bereits getan hat Corinne Wehrle in der vierten Szene: «Das ist für mich Freiheit, zu sagen: <Jetzt geh' ich, und jetzt komm' ich wieder>.» Seither ist sie «von Würmern im Bauch geplagt» und ständig unterwegs. Auch die andern drei machen sich auf ihre Reise: Der Metzger nach Australien, der Politiker unfreiwillig aus dem Leben, die Waise nach Ischia.

Vier Realschicksale

Der bettlägerige Kantonsrat Johann Hagen (1890–1955), die geächtete Martha Stadlmair (geboren 1943), der hängende Metzgerlehrling Kurt Abderhalden (geboren 1947) und die junge reisefreudige Corinne Wehrle (geboren 1983) sind Thurgauer, genauer: Menschen aus dem Murgtal. Vier Realschicksale, die «Theater Jetzt!»-Leiter Oliver Kühn aufgespürt und mit seinem Ensemble szenisch umgesetzt hat. «Ich habe mich gefragt, wieso bei uns so wenig Interesse an Auswandererschicksalen, an historisch Unspektakulärem vorhanden ist.» Kühn suchte und fand vier unspektakuläre, aber berührende Lebensgeschichten. Mit Recherchen und Interviews, die in einem Fall ausschliesslich am Telefon stattfanden (Kurt Abderhalden lebt immer noch in Australien), zeichnete er die Fixpunkte dieser Schicksale einfühlsam nach.

Er ist noch hier

Schicksale, die zu erzählen und öffentlich darzustellen es Mut braucht. Für Martha Stadlmair, die heute in Salenstein wohnt, war es auch Teil ihrer Verarbeitung der damaligen Erlebnisse. Noch keine zwanzig Jahre alt verlor die in Wängi Aufgewachsene ihren Gatten schon nach fünf Ehemonaten durch einen schweren Autounfall. Waise, die sie war, wurde ihr vom örtlichen Bankverantwortlichen ein Kredit für einen Landkauf verweigert. Und wie im Schauspiel dargestellt, gründete sie auf unkonventionelle Weise ihre eigene Familie. Martha Stadlmair war bei der Premiere von «Weg einfach» anwesend: «Ich fühlte mich damals verletzt und verachtet. Deshalb bin ich weggegangen. Meine Heimat hat mich aber wieder zurückgeholt. Nur, nach Wängi zurück konnte ich nicht, denn jener Bänkler ist immer noch hier.»


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