Eine Weltliche unter Brüdern

KLOSTER ⋅ Als erste Kuratorin in einem Kapuzinerkloster der Schweiz hat Roswitha Strassmann ihre Arbeit aufgenommen. Zusammen mit Guardian Josef Haselbach leitet sie die Brüdergemeinschaft in Wil.
04. April 2017, 07:27
Ursula Ammann

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Eine Kuratorin in einem Kloster? Diese Funktionsbezeichnung ist sonst eher in Zusammenhang mit Museen, Galerien oder Stiftungen geläufig. Roswitha Strassmanns Jobprofil ist denn auch ­alles andere als alltäglich, und ein Titel musste erst noch gefunden werden. Kuratorin leitet sich ab vom lateinischen Begriff «Cura» für «Sorge». Das passe gut zum spirituellen Umfeld eines Klosters, sagt Roswitha Strassmann. «Managerin wäre zu wirtschaftlich gewesen.»

Zu den Aufgaben der 58-Jährigen gehört eine ganze Bandbreite an administrativen und ­organisatorischen Aufgaben. So stellt sie beispielsweise Aushilfen für Pfarreien bereit, bezahlt Zahnarztrechnungen, erarbeitet Wochenpläne oder führt Adresslisten. Doch auch der Kontakt zu den Brüdern ist ein wichtiges Element ihrer Arbeit. Sie ist jeweils beim Hauskapitel dabei, in dem die Gemeinschaft über Alltagsfragen berät. «Ich bin sehr wohlwollend aufgenommen worden», sagt Roswitha Strassmann. Einzig seien beim einen oder an­deren Bruder Unsicherheiten ­aufgetaucht, wie man sie denn nennen solle. Es kursierten Begriffe wie «Frau Mutter» oder «Schwester». Sie heisse einfach nur Roswitha, gab die neue Kuratorin zur Antwort.

Mangel an Führungskräften

21 Brüder leben derzeit im Kapuzinerkloster Wil. Genügend, um die Niederlassung aufrechtzuerhalten. Zu wenig, um darunter die notwendigen Leitungskräfte auszumachen. «Im Durchschnitt sind wir über 80 Jahre alt», sagt Bruder Josef Haselbach. Der 65-Jährige amtet schon im zehnten Jahr als Guardian, obwohl nach spätestens neun Jahren eigentlich ein Wechsel statt­finden müsste. Der Mangel an Führungskräften verlangt aber schweizweit nach Strukturanpassungen. Von 100 Kapuzinern sind gerade einmal 10 unter 65 Jahre alt. Im Pflegekloster Schwyz liegt die Betriebs- und Pflegeleitung bereits in den Händen Externer. In Wil möchte man sogar einen Schritt weitergehen und hat einen grossen Teil der Gesamtleitung an eine «Auswärtige» übergeben. Das ist erstmalig in der Schweiz. Eine Kuratorin gibt es hierzulande in keiner anderen Kapuzinerniederlassung Und eine Frau in einem Männerkloster ist sowieso speziell – obwohl die Wiler Brüdergemeinschaft angesichts der Pflegerinnen und Köchinnen, die im Kloster arbeiten, schon an weibliche Anwesenheit gewöhnt sind. Eine Frau in der Leitung ist aber nochmals etwas anderes. Mit einem Schmunzeln erinnert sich Roswitha Strassmann daran, wie ihr ein 91-jähriger Bruder mitteilte, dass man «zwischendurch auch gerne unter sich sein will».

Das Pensum der Kuratorin beträgt derzeit 50 Prozent. Die seien gut ausgefüllt, sagt Roswitha Strassmann. So geht es wohl künftig auf eine Erhöhung zu. Ihre Stelle trat sie im Oktober an. Die Feuerprobe liess nicht lange auf sich warten, als die früheren Missbrauchsfälle eines Westschweizer Mitbruders ins Scheinwerferlicht der Medien gerieten und das Schweizer Fernsehen unvermittelt vor der Türe stand. Obwohl die Gemeinschaft um die Vergangenheit des Mitbruders gewusst habe, hätten die Ereignisse erneut aufgewühlt, sagt ­Roswitha Strassmann. Auch sie selbst, Mutter zweier Söhne, habe die Geschichte sehr betroffen gemacht.

Zum Glück gebe es aber überwiegend erfreuliche Aufgaben, und es bestehe eine geschwisterlich aufmerksame Atmosphäre. Bruder Josef Haselbach stellt fest: «Roswitha hat bereits das Vertrauen der Mitbrüder gewonnen, so dass sie mit vielen Anliegen zu ihr kommen, sei es, um Taschengeld zu holen, eine Spende abzugeben, den Ausdruck eines Billetts zu erbitten oder um ihr etwas ganz Persönliches erzählen zu können.»


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