Die letzte Stunde schlägt um zehn

LÄRM ⋅ Die Glocken im Turm der Degersheimer St.-Jakobus-Kirche sind zu laut. Beschwerden und eine Klage haben den Kirchenverwaltungsrat zum Handeln gezwungen. In einer Pilotphase wird nun weniger und kürzer geläutet.
27. Januar 2017, 21:00
Andrea Häusler

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

Klage wurde im Sommer vergangenen Jahres erhoben. «Die Klägerin wandte sich an die Politische Gemeinde, in deren Zuständigkeit Beeinträchtigungen durch Alltagslärm fallen», sagt der Verwaltungsratspräsident der Katholischen Kirchgemeinde Degersheim, Markus Stäheli. Die Anzeige habe die Kirchenbehörde zum Handeln gezwungen und damit auch in einen Konflikt gebracht. Denn vor sieben Jahren hatte die Kirchbürgerversammlung einen Antrag, nachts auf den Zeitschlag zu verzichten, abgelehnt. Zwischen Stuhl und Bank hat sich die Kirchenvorsteherschaft im November auf eine Übergangslösung verständigt und diese am 4. Januar umgesetzt. Seither ist das Geläute der katholischen Kirche während der Nacht – zwischen 22.01 und 5.59 Uhr – abgestellt. Tagsüber wird um 11.01 Uhr und neu im Winter um 18.01 Uhr (vorher 19.01 Uhr) bzw. im Sommer um 19.01 Uhr (vorher 20.31 Uhr) zum Gebet geläutet. Angepasst wurde auch die Läutdauer: Die Glocken klingen nicht mehr fünf Minuten lang, sondern nur noch drei. Eine zeitliche «Lärm»-Reduktion von immerhin 30 Prozent, wie Markus Stäheli sagt. Der Sonntag wird in katholisch Degersheim seit Jahresbeginn lediglich noch acht Minuten lang eingeläutet. Bisher waren die fünf Glocken auf dem Turm der Dorfkirche jeweils zehn Minuten lang erklungen.

Abschaffen oder investieren

Möglicherweise zeige der Versuch, dass mit der Anpassung der Läutzeiten die Emissionen auf ein tolerierbares Mass reduziert werden können, gibt sich Markus Stäheli verhalten hoffnungsvoll.

Die Pilotphase dauert bis zum 30. April. Dann sollen die Kirchbürgerinnen und -bürger befragt und gemeinsam Lösungen gesucht werden. «Wir wollen die Kirchbürgerschaft ins Boot holen», sagt Stäheli und weist darauf hin, dass allfällige Anpassungen am Glockenstuhl mit erheblichen Kosten verbunden wären. «Der Klöppel ist bereits an seinem tiefstmöglichen Anschlagpunkt montiert. Bliebe noch die Isolation der Lamellen.»

Eben ins katholische Boot gestiegen ist die Vorsteherschaft der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde. «Im Sinne einer gut nachbarschaftlichen Zusammenarbeit haben wir früh signalisiert, gewisse Umstellungen mitzutragen. Deshalb haben wir das Abendläuten mit Inkrafttreten des katholischen Versuchsbetriebs per sofort angepasst», liess Kirchenvorsteherschaftspräsident Urs Meier-Zwingli am Mittwoch verlauten. Konkret heisst dies, dass abends die Glocken der evangelischen Kirche ebenfalls eine Stunde früher läuten – ganz im Sinn der Ökumene auch während drei Minuten.

Kultisches Läuten ist unantastbar

Weitere Anpassungen sieht evangelisch Degersheim nicht vor. Auch deshalb, weil die vier Glocken im Stuhl des markanten Pyramidenturms ohnehin wesentlich inaktiver sind. Zur Nachtzeit bleiben sie bereits seit 2009 stumm. «Den Entscheid, auf den Stundenschlag zu verzichten, hatte die Kirchbürgerversammlung getroffen. Bereut wurde er nie, sagt Urs Meier-Zwingli.

Einig sind sich die Kirchenpräsidenten darin, dass sich der Verhandlungsspielraum auf das nicht kultische Läuten beschränkt. «Eine Abschaffung des Silvesterläutens etwa würde wohl selbst von Mitchristen torpediert, die aus der Kirche ausgetreten sind», sagt Urs Meier-Zwingli.


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