«Nur ein Gesetz löst kein Problem»

REGION ⋅ Seit fünf Jahren gibt es die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb). Patrik Terzer, Präsident Kesb Werdenberg, analysiert Fallzahlen, Trends und die täglichen Herausforderungen. Eine Bestandsaufnahme.
14. September 2017, 05:20
Ursula Wegstein

Ursula Wegstein

ursula.wegstein@wundo.ch

«Wir nehmen unseren Auftrag ernst und kümmern uns um die Menschen», fasst Patrik Terzer in unserem Gespräch die letzten fünf Jahre zusammen. «Wir erledigen unsere Arbeit im freundlichen Austausch mit den Betroffenen. Wo es erforderlich ist, sind wir konsequent. Wir sind sehr nah an den Menschen. Manchmal gibt es auch Widerstand. Manchmal gilt es auch, eine Situation auszuhalten. Das ist anspruchsvoll.»

Als Präsident der Kesb Werdenberg sieht Patrik Terzer es ­ als seine Aufgabe an, gute Rahmenbedingungen sowohl für die Betroffenen als auch für die ­Mitarbeitenden zu schaffen. «Das Gesetz allein löst die Probleme der Menschen nicht», so Patrik Terzer weiter. «Schlussendlich sind das Potenzial der Kesb gute, motivierte und gesunde Mitarbeiter. Damit steht und fällt der Kindes- und Erwachsenenschutz.»

Massnahmen rückläufig, Fallzahlen steigend

Erfreut zeigte sich der Präsident auch über die aus seiner Sicht stabile Berufsbeistandsschaft im Werdenberg. Auch bei den privaten Beiständen gibt es Gutes zu vermelden: Nach anfänglicher Kritik gibt es nun eine Stelle, die sich gut etabliert hat. «Wir freuen uns über jeden, der aus einem sozialen Engagement oder aus einem verwandtschaftlichen Verhältnis sich als Beistand engagieren möchte», sagt Terzer. Die Anzahl der Massnahmen war 2016 leicht rückläufig. Im Erwachsenenschutz gab es eine leichte Zunahme, beim Kindesschutz eine leichte Abnahme.

Vorsorgeauftrag als selbst­bestimmte Vorsorge

Relevanter ist aus Sicht des Präsidenten jedoch, wie viele Personen insgesamt mit der Kesb Werdenberg in Kontakt waren, da oftmals niederschwellige Lösungen gefunden werden können, so dass keine Massnahmen erforderlich sind. Die Anzahl dieser Personen pendelte sich auf hohem Niveau ein und stieg 2017 nochmals leicht an. Die Kesb führt rund 600 Dossiers und fasst knapp 600 Beschlüsse pro Jahr. Die steigenden Fallzahlen der letzten 20 Jahre führt Patrik Terzer auf die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung zurück. «Das Leben ist wohl immer komplizierter geworden. Auch hat die Unterstützung und Solidarität in der Gesellschaft insgesamt abgenommen», sagt der Präsident.

Der Trend geht weg von umfassenden Beistandschaften mit «Entmündigungen» hin zu an den Bedarf angepasste Vertretungsbeistandschaften für einzelne Bereiche. Häufiger wird die Kesb aufgrund von Konflikten und Streit zwischen den Eltern angerufen.

Nach der Einschätzung Terzers ist die Möglichkeit eines Vorsorgeauftrags noch viel zu wenig bekannt und genutzt. «Das wäre eine Möglichkeit, selbstbestimmt vorzusorgen», so Patrik Terzer.

Wer für den Fall, dass er irgendwann nicht mehr autonom entscheiden kann, einen Vorsorgeauftrag errichtet, kann seine eigene Vorsorge treffen. Ein solcher Vorsorgeauftrag muss entweder öffentlich beurkundet werden, kann aber auch von A bis Z handschriftlich verfasst werden.5


Leserkommentare

Anzeige: