Mit Zäuerli und Jodel nach Budapest

DREIEN ⋅ Der Toggenburger Elmar Wohlgensinger ist Musiker im Nebenberuf. Er spielt Kontrabass in einem Ländlertrio. Sein neuestes Engagement ist das Jodlerschiff.
05. Oktober 2017, 05:18
Michael Hug

Michael Hug

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«Kilbi?» «Nei – Chilbi!», buchstabiert Ruedi, «säg: ch, im Gaumen, ch!» Arno, der Reiseführer aus Kärnten, lernt schnell: «Ihr Schweizer macht also Chilbi. Eine Jodlerchilbi.» Schliesslich spricht der Österreicher das Dialektwort richtig aus: «Und was ist eine Chilbi?» – «Ein Fest, an dem viel gejodelt, gezauert und getanzt wird, ein Volksfest», erklärt Ruedi. Dann packt der Schweizer die Handorgel auf seine Knie und spielt mit Frowin einen Ländler. Zur Linken steht Elmar und streicht den Bass. Später wird Ruedi Arno erklären, dass man sich an einer Chilbi stets mit dem Vornamen anspricht, ganz gleich, ob man sich kennt oder nicht. Und dass eine Chilbi sehr lange dauern kann.

Die Jodlerchilbi auf der Donau hat acht Tage gedauert. Acht Tage wie Ferien für Elmar Wohlgensinger aus Dreien. Aber eben nur fast Ferien, denn jeden Abend gab’s Arbeit. Elmar musste an seinen Bass, Musik machen. Damit die Leute, 130 Passagiere auf dem Donauschiff «Amadeus Elegant», gut unterhalten sind und noch lange von der Jodlerchilbi schwärmen werden. Für Elmar waren es die ersten Ferien seit Jahren: «Ich bin lieber zu Hause, es ist bei uns ja auch schön.» Er ist Bauer durch und durch und noch dazu Freizeitmusiker wie fast jeder im Toggenburg. Sein Hof mit 180 Ziegen ist ihm wichtiger, als jedes Jahr irgendwohin zu reisen. Weil seine Frau aber gemeint hat, dass er ­ruhig gehen soll, hat er zugesagt.

Passau–Melk–Wien–Budapest–Bratislava–Linz–Passau. Elmar kann nicht jeden Landgang mitmachen, die Arbeit ruft. Tanz­lehrerin Bethli braucht ihn zum Workshop «Toggenburger Trachtentanz» am Bass. Monika Ettlin, Dirigentin und Solojodlerin aus Alpnach, gibt ihren Workshop «Jodeltechnik» derweil ohne ­Begleitmusik. Und auch für ­Fredy Wallimann, Dachdecker und ­Jo­del-Koryphäe aus Nidwalden, ist die Jodlerchilbi nur zum Teil eine Ferienwoche. «Aber Schwerarbeit ist es auch nicht», lacht er.

Die Schleusenkammer als Resonanzraum

Die Passagiere lernen den Innerschweizer «Juiz» mit Beny Betschart aus dem Muotatal oder Alphornblasen mit Armin Zollet aus Bern. Jeden Abend ist ­Stobete in der Bar auf dem Oberdeck. Der Appenzeller Frowin und der Hemberger Ruedi machen die Musik, und alle, die auch hand­örgelen oder jodeln können, ­bringen sich spontan mit ein. Toggenburger Frauen singen ­Lieder aus dem Emmental, ­Genfer und ­Luzerner Teilnehmer singen den im Workshop er­lernten Muota­taler «Stuckli-Juiz». Es geht querbeet, ein schweize­rischer Kulturen-Clash in der österreichisch-ungarisch-slo­wa­kischen Grenzregion.

Draussen zieht in der Dämmerung die Burg von Bratislava vorbei, dann wird es dunkel bis Budapest. Die Donau führt Hochwasser und ist nicht blau, sondern dreckig-braun. Elf Schleusen warten auf dem Weg, die meisten lässt man unbeachtet hinter sich. In der letzten aber, die grösste bei Gabcikovo im Grenzgebiet Slowakei-Ungarn, will man un­bedingt «testen», wie es tönt. Jodlerinnen und Jodler sind beharrlich, wenn es ums Aufbleiben geht. Die ganze Gesellschaft ­wartet bis nach Mitternacht und bricht dann zum Sonnendeck auf, wo Armin schon in sein Alphorn stösst. Derweil senkt sich das Schiff langsam um 15 Meter, und die Schleusenkammer wird als Resonanzraum immer grösser. «Tönt gewaltig», sagt einer. Dann stimmt einer ein Zäuerli an und es wird «gradghäbet» rundherum. Ein Chor von 130 Leuten erweist einer Schiffsschleuse die Ehre. Auf dem Schiff daneben blitzen Kameras. Am Heck hängt schlaff eine Schweizer Fahne.

Am nächsten Tag die Ankunft in Budapest. Arno, der gelehrige österreichische Reiseführer, lehrt nun der Schweizer Jodelgesellschaft die Schönheiten der Stadt. Er erklärt die Prunk- und Prachtsbauten am Ufer, verrät, wo die Hotspots sind und vor welchen Geldwechslern sich man in Acht nehmen muss. Die Passagiere ­erkunden die Stadt, auch für die Restaurant-Crew gibt’s Ausgang, und am nächsten Morgen erfährt man, dass einige Kellner ebenso zu «höckeln» wissen. Die Besatzung der «Amadeus Elegant» ist international und Englisch ist Schiffssprache. Für Musiker Elmar, der nur Deutsch kann, ist das kein Problem: «Ich muss ja mit meinen Geissen auch nicht Englisch reden.» Mangels Smartphone schickt er keine Selfies nach ­Hause. Einmal täglich ruft er seine Frau an, fragt, wie’s läuft auf dem Hof. Wenn Ruedi Roth, der Co-Organisator und Animator der Jodlerchilbi, nächstes Jahr wieder ruft, werden Elmar, Monika, Frowin und die anderen Musiker wohl wieder dabei sein. Ohne Gage selbstverständlich. «Ich habe Kost und Logis, das reicht», sagt der Bassist. Die nächste ­Jodlerchilbi führt Ende Oktober 2018 auf dem Rhein von Basel zur Mosel.


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