Wenig Kesb-Fälle in Werdenberg

WERDENBERG ⋅ Eine umfassende Beistandschaft, der Entzug der elterlichen Sorge oder eine Fremdplatzierung sind für die Betroffenen die einschneidendsten Massnahmen der Kesb. Im Werdenberg sind sie seltener als anderswo.
06. Oktober 2017, 05:20
Heini Schwendener

Heini Schwendener

heini.schwendener@wundo.ch

Kürzlich sagte Patrik Terzer, Präsident der Kindes- und Erwachsenen­schutzbehörde (Kesb) Werdenberg, in einem Interview: «Wir leisten einen wichtigen Beitrag für Menschen, die bei der Erledigung ihrer Angelegenheiten oder in der Verantwortung für ihre Kinder Unterstützung benötigen.» Alle Probleme lassen sich indes nicht allein mit Gesprächen beheben. Darum müssen auch Schutzmassnahmen in unterschiedlichster Abstufung angeordnet werden. 330 an der Zahl waren es per Ende 2016 im Bereich Erwachsenenschutz. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl des Werdenbergs waren 10 Personen je 1000 Einwohner von Erwachsenenschutzmassnahmen betroffen. Dieser Wert liegt unter dem kantonalen Durchschnitt von 11 betroffenen Personen je 1000 Einwohner.

60 umfassende ­Beistandschaften

Die einschneidendste der Schutzmassnahmen bei Erwachsenen ist die umfassende Beistandschaft. Der betroffenen Person entfällt von Gesetzes wegen die Handlungsfähigkeit, der Beistand oder die Beiständin hat eine umfassende Alleinvertretung. 60 umfassende Beistandschaften gab es per Ende 2016 im Werdenberg, weit weniger als in den anderen Kesb-Regionen des Kantons, deren Werte zwischen 88 und 199 lagen.

Patrik Terzer ist froh darüber, dass die Zahl der umfassenden Beistandschaften rückläufig und der Werdenberger Wert ohnehin so tief ist: «Wir konnten viele Fälle auf massgeschneiderte Beistandschaften reduzieren.» Für die Kesb ist dies zwar aufwendiger, denn massgeschneiderte Schutzmassnahmen bedeuten unter Umständen viel längere Abklärungen, schwierigere Beschlussfassungen und mitunter auch mehr Erklärungen gegenüber den Betroffenen und den Beiständen. «Die Kunst ist es nämlich, die richtigen Mass­nahmen anzuordnen», so Terzer. Bei den massgeschneiderten ­Beistandschaften gibt es unterschiedliche Abstufungen, etwa die Begleit-, die Vertretungs- oder die Mitwirkungsbeistandschaft. Alle sind sie untereinander auch kombinierbar. Massgeschnei­derte Massnahmen bedeuten, dass eine hilfsbedürftige Person nur in jenen Bereichen Unter­stützung erhält, wo sie diese konkret benötigt (zum Beispiel Lebensunterhalt, Wohn- und Betreuungssituation, medizinische Be­handlungen, Einkommens- und Vermögensverwaltung). Den Beistandspersonen werden Vertretungs- oder Mitwirkungsrechte übergeben oder eine Begleit­funktion übertragen. «Wir sind Helfer und Unterstützer, nicht Gegner», sagt der Kesb-Präsident. Mit der Zeit gelinge es meist, dass die betroffenen Personen die angeordneten Schutzmassnahmen auch annehmen würden. Im vergangenen Jahr gab es in der Region Werdenberg 259 massgeschneiderte Beistandschaften.

Weniger Kindesschutz-massnahmen

Per Ende 2016 bestanden im Werdenberg 182 Kindesschutzmassnahmen, das sind weniger als 2015 (200) und als 2014 (234). Die einschneidendste Mass­nahme, der Entzug der elterlichen Sorge, musste im Werdenberg in diesen Jahren nie ergriffen werden. Viermal wurde im ver­gangenen Jahr eine Aufhebung des Aufenthaltsbestimmungsrechts angeordnet (vgl. Titelseite). Das heisst, dass Kinder und Jugend­liche in Heimen oder bei Pflegepersonen platziert werden ­mussten. Seit 2014 hat sich diese Zahl zweimal fast halbiert, nämlich von 15 auf 7 und schliesslich auf 4.

Auch im Kindesschutz gilt, was Terzer zum Erwachsenenschutz festgehalten hat: «Wir setzen stark darauf, massgeschneiderte Schutzmassnahmen zu ­ergreifen.» So wird das ganze Spektrum der Erziehungsbeistandschaften genutzt. Erziehungs­beistände können «nur» mit Rat und Tat zur Seite stehen oder aber mit besonderen Befugnissen ausgestattet werden, die bis zur Beschränkung der elterlichen Sorge reichen.

Dass die Kesb Werdenberg mit ihren Zahlen gut dasteht, ist laut Terzer einerseits etwas vom Zufall abhängig, «aber auch von der guten Arbeit der vorgelagerten Stellen wie der Sozialen Dienste und der Sozialämter.» Denn sie fangen potenzielle Kesb-Fälle vorzeitig auf.


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