Humor mit gehörigem Tiefgang

BUCHS ⋅ Ferruccio Cainero machte am Donnerstag mit seinem neuen anspruchsvollen Soloprogramm «Tic Tac» im Kleintheater Fabriggli Halt. Der Erzählkünstler hielt das Publikum neunzig Minuten lang in Atem.
30. September 2017, 05:19
Mengia Albertin

Mengia Albertin

mengia.albertin@wundo.ch

«Als Kind habe ich manchmal im Zimmer der Zeit geschlafen. Dort wo mein Vater Uhren aller Art ­reparierte. Eines Abends bin ich mitten in dem geräuschvollen Konzert der tickenden Uhren eingeschlafen und in einen Strudel der Zeit geraten. Im Hier und Jetzt bin ich wieder herausgeglitten und ich kann euch versichern, dass ich zwischen einem Tic und einem Tac Hugenotten, tanzende Prinzessinnen, Uhrmacher, Boxer und wehmütige Madonnen gesehen habe», liest man vorgängig im Programmheft. Wen diese Worte angesprochen hatten, der kam am Donnerstagabend im Fabriggli in Buchs nicht zu kurz.

Ein grosses Talent des gebürtigen Italieners besteht darin, die kleinen Absurditäten des Lebens zu entdecken und diese mit feinfühligem Humor und italienischer Leichtigkeit zum Besten zu geben. Gleichzeitig fehlte es dem neuen Soloprogramm des Erzählkünstlers in keinster Weise an Tiefgang – Ungerechtigkeiten wurden knallhart in Frage gestellt und kritisiert. Es sei eine ganz eigene Art der Italiener, traurige und ernste Geschichten zu erzählen, ohne dabei in Schwermut zu ertrinken, erklärte Cainero zum Ende des Abends. Und tatsächlich, im Programm raste man mit dem Erzählkünstler von Anarchisten zur Uhrenindustrie, von der Reformation zu Orgien, von Armut zu Prinzessin Diana und von Hungersnot zu Sex im Vatikan. Die Zuhörer erlebten Groll, Freude, Trauer, Erstaunen und Wut – und gingen trotzdem nicht mit einem leeren Gefühl der Ratlosigkeit nach Hause.

Zwischen fluchenden Männern, alleinerziehenden Müttern, einem «Schlaumeier-Gott» und seinen Erfahrungen im «Zimmer der Zeit», erzählte Cainero historische Gegebenheiten zum Thema «Zeit». Diese stand im Mittelpunkt des Soloprogramms. Cainero trug das Publikum mit rassigem Tempo durch die Geschichte der Zeit und verlor seinen Witz auch dann nicht, als der Titan Chronos alle seine Kinder frisst oder die Hugenotten aus Frankreich fliehen müssen. Kaum jemand schielte während der knapp neunzigminütigen Vorstellung unauffällig auf die Uhr – so gepackt war das Publikum von dem kurzatmigen Programm. Es ist gefüllt mit anspruchsvollen Thematiken und ist wie zugeschnitten auf Liebhaber des Wortwitzes und dem feinfühligen Humor für alltägliche Absurditäten. So zum Beispiel immer wiederkehrende Familienstreitigkeiten, welche sich wegen ihrer Zuverlässigkeit vom Dramatischen ins Komödiantische verwandeln, um ein Beispiel von Cainero zu nennen.

Programm wurde durch Musik abgerundet

Die Melodien des italienischen Komponisten Mario Crispi wurden geschickt in das Programm integriert. Einzeln mögen die Geräusche und Melodien seltsam klingen, doch waren sie für das Stück die «Kirsche auf dem Sahnehäubchen».

Ferruccio Cainero arbeitet mit Theatern und Theatergruppen als Autor und Regisseur zusammen. Als Erzählkünstler reist er durch ganz Europa. Für das Radio SRF 1 schreibt er Morgengeschichten und für RETE 2 Hörspiele. Cainero wurde mehrfach ausgezeichnet. So zum Beispiel mit dem «Salzburger Stier», dem Schweizer Kleinkunstpreis «Goldener Thunfisch», dem deutschen Kleinkunstpreis «Willhelmshavener Knurrhahn» und dem Internationalen Erzählkunstpreis «The Golden Ear of Graz».


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