Helfer und Unterstützer sein

REGION ⋅ Vor fünf Jahren hat Patrik Terzer sein Amt als Präsident der Kesb Werdenberg begonnen. Im Gespräch mit dem W&O zieht er Bilanz und erzählt über Herausforderungen, Erfolge und wo er an seine Grenzen kommt.
14. September 2017, 05:20
Ursula Wegstein

Ursula Wegstein

ursula.wegstein@wundo.ch

 

 

Welche Bilanz ziehen Sie nach fünf Jahren als Präsident der Kesb Werdenberg?

Patrik Terzer: Ich selbst ziehe eine positive Bilanz. Wir als Kesb Werdenberg sind gut aufgestellt: Wir haben funktionierende Abläufe und Strukturen. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Partnern läuft inzwischen gut. Wir leisten einen wichtigen Beitrag für Menschen, die bei der Erledigung ihrer Angelegenheiten oder in der Verantwortung für ihre Kinder Unterstützung benötigen. Meistens gelingt es uns, dass die betroffenen Personen ihre Situation schliesslich selber verbessern können oder dass sie die Massnahmen, die wir anordnen, auch annehmen.

Heisst das, Sie müssen beraten und überzeugen?

Ja. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist es, gut zu erklären, dass wir eine Situation sehen, in der jemand Schutz benötigt. Wenn die Betroffenen die Schwierigkeiten erkennen, steigt ihre Bereitschaft und Motivation für eine Veränderung. Wir haben immer im Hinterkopf: Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten ausser einer Kesb-Massnahme? Also ob die nötige Hilfe von Angehörigen oder einer Beratungsstelle erbracht werden kann.

Am Anfang der Kesb gab es Startschwierigkeiten. Worauf führen Sie das zurück?

Die Ausgangslage war sehr anspruchsvoll: Innert sehr kurzer Zeit musste sich die Kesb organisieren und funktionieren. Das bedeutete: Zeitgleich mussten alle Dossiers übernommen, die bisherigen und neuen Fälle bearbeitet, Zusammenarbeitsfragen geklärt und eine Haltung und Werte entwickelt werden, während sich das neuentstandene Team bilden und ganz neues Recht anwenden musste. In der Kommunikation und der externen Zusammenarbeit mussten wir zudem viel lernen.

Was unternahmen Sie konkret?

Für private Beistandspersonen haben wir beispielsweise eine Ansprechperson bezeichnet und organisieren für sie regelmässige Austausche und Weiterbildungen. Mit anderen Stellen haben wir Schnittstellen und Zusammenarbeitsfragen geklärt. In eine funktionierende Zusammenarbeit investieren wir weiter.

Worin sehen Sie Ihre grössten Herausforderungen?

Es ist anspruchsvoll das oftmals falsche Bild der Kesb zu korrigieren, Ängste abzubauen und die Betroffenen für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Das Bild, dass die Kesb Eltern einfach so Kinder wegplatziert, stimmt nicht. Platzierungen sind zum Glück nur sehr selten notwendig und eine der letzten Massnahmen. Wenn wir von der Schule eine Meldung bekommen, dass es grosse Erziehungsdefizite gibt, nehmen wir mit den Eltern Kontakt auf und informieren sie über unsere Vorgehensweise. Die Eltern haben hierbei Mitwirkungsrechte- und pflichten. Sie dürfen jederzeit bei uns Akteneinsicht nehmen oder Fragen stellen. Unser Ziel ist es immer, mit den Eltern ergebnisoffen eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten. Wir wollen eine Lösung für das Kind, nicht gegen die Familie. Das Beste ist, wenn die nötige Unterstützung in die Familie kommt und dort die Kompetenz der Eltern verbessert oder eine Therapie begonnen wird. Herausfordernd sind immer auch solche Situationen, in denen wir im Dilemma sind. Wenn es nicht DIE richtige und gute Lösung gibt.

Kommt der Beistand jeden Tag vorbei?

In der Regel betreut ein Beistand etwa 60 Personen. Meistens ist am Anfang viel Kontakt notwendig. Der Beistand muss zunächst viel organisieren und in die Wege leiten. Die Idee ist aber die, dass der Beistand sich dann nach und nach wieder zurücknimmt. Unser übergeordnetes Ziel ist, uns wieder entbehrlich zu machen: Die Familienkonstellation soll am Ende des Tages ohne Kesb und ohne Beistand funktionieren.

Was ist Ihnen wichtig?

Transparenz und Offenheit. Wir erklären die Arbeit der Kesb und legen den Betroffenen offen, welche Informationen wir haben und was wir von Ihnen erwarten. Wir zeigen auch auf, welche Möglichkeiten es gibt, sich gegen Massnahmen von uns zu wehren. Die Personen dürfen nicht das Gefühl haben, uns ohnmächtig ausgesetzt zu sein. Darum lege ich auch besonderen Wert darauf, dass die Mitarbeitenden sozialkompetent und empathisch sind, damit sich die Betroffenen auch auf uns einlassen. Es braucht das Gespür für die Anliegen und Sorgen der Menschen. Ein Interesse für das Wohl am Gegenüber.

Welche Faktoren werfen die Menschen aus der Bahn?

Hauptsächlich sind es Erkrankungen psychischer Art. Sucht. Im Alter Demenz- und Alzheimererkrankungen. Manchmal ist es auch grosse Unerfahrenheit.

Wie ist Ihre Vorgehensweise?

Wir führen Gespräche mit den betroffenen Personen. Allenfalls mit Angehörigen. Sonst holen wir nach Bedarf bei Ärzten, Steueramt, Beitreibungsamt, der Schule, dem Kinder- und Jugend­psychiatrischen Dienst weitere Informationen ein, um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten. Wir suchen dabei nicht nach dem Motto «Was ist denn schlecht?». Wir wollen auch hören: «Was läuft denn alles gut?». Nach den Abklärungen treffen wir unsere Entscheidungen zu dritt.

Was sehen Sie als Erfolg?

In unserer täglichen Fallarbeit verbuchen wir zahlreiche kleine und grosse Erfolge. Beispielsweise wenn eine Mutter und eine Tochter nach erheblichen Schwierigkeiten zu Hause und in der Erziehung nach einer vorübergehenden Platzierung wieder ohne die Kesb, die Platzierung und den Beistand zurechtkommen. Der Erfolg gehört aber primär der Mutter und der Tochter. Sie haben ihre Situation mit Unterstützung verbessert. Unsere Aufgabe ist es die Verbesserung zu ermöglichen, wo diese ohne die Kesb nicht gelingt. Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer Erfolgserlebnisse, die die Situation der Betroffenen ver­bessert.

Was gilt es als Misserfolg zu verbuchen?

Schwierig sind Situationen, welche sich nicht verbessern lassen oder wo nur schlechte Lösungen zur Verfügung stehen. Es gibt leider Fälle, die wir mit unseren Möglichkeiten nicht lösen können. Das müssen wir und die Angehörigen aushalten.

Hätten Sie dafür ein Beispiel?

Manchmal sind die Verhältnisse in einer Familie so schwierig, dass ein Kind dort eigentlich nicht bleiben sollte, sondern besser in eine Einrichtung ginge, was von den Eltern auch unterstützt wird. Wenn das Kind aber in der Einrichtung immer wieder wegläuft oder sich so verhält, dass es auch dort nicht bleiben kann, gibt es am Schluss keine geeignete Einrichtung für dieses Kind. Dann bleibt es bei der Verantwortung der Eltern. In so einem Moment können wir nicht helfen.

Wo kommen Sie noch an Ihre Grenzen?

Wenn beispielsweise eine psychisch kranke Person die Nahrungsaufnahme verweigert, stehen wir vor der schwierigen Frage, ob die Nahrungsaufnahme unter Zwang in dieser Situation das richtige Mittel ist, um der Person zu helfen. Ein Entscheid über Leben und Tod. Auch bei dieser Frage gibt es nicht nur richtig oder falsch. Das ist nicht einfach. Und belastend.

Was würden Sie gerne ändern?

Ich finde es sehr schade, wie die Kesb in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Wir sind eine Schutzbehörde, werden nur nicht als solche wahrgenommen. Vielleicht haben wir uns auch unter unserem Wert verkauft. Ich hätte gerne, dass man uns als Helfer und Unterstützer sieht, nicht als Gegner. Vor uns braucht sich niemand zu fürchten. Wir sind eine Behörde mit dem Auftrag, den Schutz und das Wohl schwacher Personen sicherzustellen und die wichtigen Entscheidungen im Kindes- und Erwachsenenschutz zu treffen. Das Wohl der Betroffenen steht im Zentrum unserer Arbeit, und dafür setzen wir uns tagtäglich ein. Ich setze mich für ein positives Bild der Kesb ein: In jedem einzelnen Fall streben wir nachhaltigen und effizienten Kindes- und Erwachsenenschutz an, welcher akzeptiert und verstanden wird. Darüber hinaus stehe ich für die Klärung von Anliegen und Fragen gerne für persönliche Gespräche und öffentliche Anlässe zur Verfügung. Jedermann ist eingeladen mit mir Kontakt aufzunehmen.


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