Heisse Spur im Skimuseumskrimi

VADUZ/TOGGENBURG ⋅ Vor einem Jahr ist die Sammlung des Liechtensteiner Skimuseums auf dubiose Weise verschwunden. Spuren führen nach Kitzbühel, zu Ex-Skiweltmeister Markus Wasmeier – und neuerdings nach Polen.
05. Oktober 2017, 05:18
Andri Rostetter

Kann der komplette Inhalt eines Museums einfach so verschwinden? Er kann. Seit gut einem Jahr sind sämtliche Objekte des Ski- und Wintersportmuseums in Liechtenstein wie vom Erdboden verschluckt. Ski, Stöcke, Schlittschuhe, Schlitten, Medaillen, Pokale, Startnummern, Fotos, Plakate – 15000 Objekte aus über 100 Jahren Wintersportgeschichte. Die Sammlung war das Lebenswerk von Noldi Beck, erster Ski-Jugendmeister von Liechtenstein und Mitglied des liechtensteinischen Ski-Nationalteams an den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble. Beck starb im Juli 2014, das Museum wurde kurz darauf geschlossen, die komplette Sammlung für rund eine Million Franken zum Verkauf angeboten. Und damit nahm die kuriose Geschichte ihren Lauf (der W&O berichtete).

Der Denver-Clan von Kitzbühel

Die wichtigste Spur führt zu einer gewissen Signe Reisch in Kitzbühel. Die Familie Reisch ist so etwas wie der Denver-Clan des österreichischen Nobelortes. Schon Urgrossvater Franz Reisch war eine grosse Nummer im Dorf, Kommunalpolitiker, Tourismusförderer und Skipionier. Urenkelin Signe Reisch, 61, Hotelbesitzerin und Chefin des örtlichen Tourismusverbandes, präsidiert den Förderverein Museum Kitzbühel. Dieser Verein soll im Februar 2015 die Sammlung von Noldi Beck gekauft haben – jedenfalls nach der Version der Noldi-Beck-Stiftung, die den Verkauf durchführte. Doch Reisch will weder etwas von einem Kauf wissen, noch soll die Sammlung je bei ihr angekommen sein. Das sagte sie jedenfalls vor knapp einem Jahr gegenüber der «Tiroler Tageszeitung». Mittlerweile schweigt Reisch, auch eine Anfrage unserer Zeitung bleibt unbeantwortet. Eine weitere Spur führte zum deutschen Ex-Skiprofi Markus Wasmeier. Der mehrfache Olympiasieger und Weltmeister betreibt heute ein Bauernhof- und Wintersportmuseum im bayrischen Schliersee. Doch auch er zeigt sich unwissend. «Ich bin das nicht und kann nur verneinen, dass die Exponate bei mir sind», sagte er dem «Liechtensteiner Vaterland» Ende September.

Gestern meldete nun das «Vaterland», dass Teile der Sammlung noch in Liechtenstein sein sollen. Offenbar sei «nicht die gesamte Sammlung ins Ausland gebracht worden», schreibt die Zeitung. Ein in Polen wohnhafter Liechtensteiner Architekt habe angegeben, einen Teil von Becks Vermächtnis zu besitzen. Und dieser soll in Liechtenstein gelagert sein. Einen Beweis blieb der Mann bis jetzt zwar schuldig. Er soll aber schon in diversen Gemeinden vorstellig geworden sein, weil er eine Ausstellung plane.

«Dann schalten wir die Polizei ein»

Mittlerweile schiessen die Gerüchte ins Kraut. Hat sich jemand als Signe Reisch ausgegeben und ist danach mit der ganzen Sammlung abgetaucht? Wurde der Verkauf überhaupt abgewickelt? «Wir wissen, dass die Ladung verzollt wurde», sagt Liselotte Schlumpf. Die Wattwilerin ist Mitorganisatorin des Nostalgie-Skirennens NostalSki, ihr Vater, Jahrgang 1907, war ein Toggenburger Ski-Pionier. Und sie hat grosses Interesse daran, dass Becks Sammlung wieder auftaucht. Denn unter den Exponaten befanden sich rund 1000 Leihgaben aus dem Toggenburg, darunter auch Gegenstände von Liselotte Schlumpfs Vater – etwa ein paar Ski mit fast drei Metern Länge, wie sie bei Geschwindigkeitsrennen eingesetzt wurden.

Auch Liselotte Schlumpf selber hat Beck etwas geliehen – jenen Mantel, den sie bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary getragen hatte; Schlumpf war von 1982 bis 1989 Physiotherapeutin des Schweizer Frauen-Nationalteams, Vreni Schneider und Maria Walliser lagen bei ihr auf dem Massagebett. Die Toggenburgerin hat sich der Suche nach der Sammlung verschrieben, mit Bekannten hat sie Aufrufe auf Facebook und Instagram gestartet. «Es kann doch nicht sein, dass das jetzt einfach vergessen geht.» Dazu kommt: Niemand weiss, wie gross die Sammlung genau war. «Das wusste nur Noldi Beck, es war alles in seinem Kopf», sagt Liselotte Schlumpf. Aufgeben will sie so schnell nicht. «Wenn es sein muss, schalten wir die Polizei ein– oder einen Hellseher.»

Andri Rostetter

andri.rostetter

@tagblatt.ch


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