Das Kriegsgeschehen prägte das Leben

WERDENBERG/REGION ⋅ Vor 100 Jahren herrschten unsichere Zeiten. 1917 standen während des Ersten Weltkriegs schweizerische Militärtruppen schon bald drei Jahre an der Grenze.
14. Juli 2017, 05:19
Hansruedi Rohrer

Hansruedi Rohrer

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Die Zeit des Ersten Weltkriegs ging auch an der Schweiz nicht spurlos vorüber. Im Jahre 1917, also vor einem Jahrhundert, war dieser Krieg noch in vollem Gang. Auch die Bevölkerung in Werdenberg und den angrenzenden Regionen war manchmal verunsichert. Doch das Leben nahm seinen Lauf. Aber man musste sich einschränken und sparen. Eine Herausforderung war unter anderem die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung. Ohne Rationierung ging es nicht. Im nachfolgenden Text sind Ereignisse zitiert, welche die damalige Zeitung «Werdenberger Nachrichten» verbreitete. Es war das zweite ­Lokalblatt neben dem dominierenden «Werdenberger & Obertoggenburger».

Post nach Vorarlberg braucht ewig

19. Januar: Beim heute in Buchs stattgefundenen Ankauf von Artillerie-Bundespferden wurden total nur zehn Stück vorgeführt. Angekauft wurden zwei Stück vom Besitzer Isidor Büchel, Wirt Restaurant Arlberg (Buchs), zum Preis von 1600 und 1700 Franken.

30. Januar: Mit der Postbedienung zwischen dem benachbarten Vorarlberg war es gegenwärtig wieder ganz bedenklich bestellt. Der ganze Postverkehr ging über Feldkirch. Briefe sowie Korrespondenzkarten aus Bregenz, Lustenau, Gaissau, Höchst nach der Schweiz brauchten 18, 19 bis 21 Tage, in der Regel weit mehr als Briefschaften aus Wien, Budapest und noch weiter her. Die Zeitungen aus dem schweizerischen Rheintal, die bisher in den grossen vorarlbergischen Gemeinden sehr stark verbreitet waren, hatten den Weg zu ihren Abonnenten ebenfalls über Feldkirch zu nehmen, von wo sie dann schliesslich mit zehntägiger Verspätung an ihr Ziel gelangten.

17. Februar: Vorletzte Nacht meldete sich auf dem Polizeiposten Buchs ein aus dem Gefangenenlager Aschach in Oberösterreich entwichener, serbischer Unter­offizier für ein warmes Nachtquartier. Der Mann war der deutschen Sprache etwas mächtig, trug Zivilkleider und gab an, über die Rheinbrücke Schaan–Buchs in die Schweiz gekommen zu sein. Seine Reise soll 40 Tage gedauert haben und er wünschte nach Frankreich zu kommen.

18. Februar: Das schweizerische Flugzeug, das am Sonntag auch im Werdenberg beobachtet ­wurde, war in Dübendorf gestartet und kreuzte um halb drei Uhr über St. Gallen. Von dort aus wandte es sich südwärts, überflog den Hohen Kasten, die Alvier­kette, traversierte die Grauen Hörner und nahm seinen Flug über Chur ins Bündner Oberland, flog hinüber nach Andermatt und durch das Reusstal wieder nach Dübendorf. Das Flugzeug steuerte Führerleutnant Conte, als Beobachter war Beobachterleutnant Walter Mittelholzer aus St. Gallen mit an Bord. Der Apparat flog in sehr grosser Höhe.

29. März: Um den Wünschen aus Landwirtschaftskreisen entgegenzukommen, hatte die Armee­leitung zur Bestellung der Felder dieser Tage auch in Buchs ein Pferde-Depot mit 40 Pferden und der nötigen Trainmannschaft errichtet. Die Landwirte wurden ersucht, von dieser Gelegenheit recht ausgiebigen Gebrauch zu machen, um zu dokumentieren, dass die Klagen wegen Wegnahme von Pferden in den Militärdienst gerade in der Anbauzeit auch berechtigt ge­wesen waren.

Im «Négligé» über die Grenze geflüchtet

8. April: Am Ostersonntag morgens früh kam ein junger Mann, nur mit Unterhose, Leibchen und alter österreichischer Soldatenmütze bekleidet, pudelnass und schlotternd vor Kälte, auf den Grenzwachtposten in Haag und bat um Kleidung und Unterkunft. Der deutsch sprechende Flüchtling gab an, seit mehr als zwei Jahren in österreichischer Gefangenschaft gewesen zu sein, zuletzt in Grödig bei Salzburg. Da er in österreichischer Uniform entwichen sei, habe er sich auf Liechtensteiner Seite dieser Kleider entledigt und im Négligé den Rhein bei Haag durchquert. Der Serbe wurde mit Schuhwerk und Kleidung sowie Verpflegung versehen und dann dem Polizei­posten Buchs zur Zuführung an das Territorial-Kommando in St. Gallen eingeliefert.

24. April: Wie alle Lagerhäuser der Schweiz hatten in Zukunft auch die Lagerhäuser in Buchs von einer Landsturmtruppe zu bewachen sein. Eine Abteilung der Landsturm-Kompagnie 3/74 wurde einquartiert und übernahm die Bewachung.

7. Mai: Morgens um sieben Uhr trafen 100 ungarische Fohlen in Buchs ein zur Bestimmung für die eidgenössische Remontenanstalt in Thun. Es waren alles schöne, geschmeidige Tiere im Alter von drei und vier Jahren, welche vorerst noch ein Jahr auf die Weide kamen, um nachher für das ­Militär zugeritten zu werden.

15. Mai: Durch Massnahmen der eidgenössischen Behörden hoffte man, Einsparungen beim Brot­getreide zu erzielen. Dabei sollte auch die Einführung der Brotkarte zur Rationierung geprüft werden. Als Einschränkungen kamen in Betracht: Verbot der Herstellung und des Verkaufs von Brötchen und Weggli, eine Reduktion der Herstellung von Konfiseriewaren verschiedener Art sowie eine Verlängerung der Frist, innert welcher frisches Brot nicht verkauft werden durfte, und zwar auf 36 Stunden.

1. Juni: Mittags um halb zwei Uhr brachte ein aus neun Erst- und Zweitklasswagen bestehender Extrazug 397 Kinder aus Österreich, welche nach kurzem Aufenthalt in Buchs zu einer Kur ins Innere der Schweiz weiterreisten. Auf dem Bahnhof hatte sich eine stattliche Anzahl Zuschauer eingefunden und das hiesige Hilfskomitee verabreichte den Kleinen, die eine lange Eisenbahnfahrt hinter sich hatten, Brot, Wurst, Schokolade und Tee. Die hiesige Schuljugend brachte ihnen Blumen und erfreute ihre Altersgenossen mit einigen schönen Liedern.

«Most» im Fass war Butter

17. Juli: Den herrschenden schweren, teuren Zeiten Rechnung tragend, hatten sich die beiden Abstinentenvereine in Buchs (Blaukreuzverein und Guttemplerloge Rheinwacht) entschlossen, gemeinschaftlich einen Sterilisierkurs abzuhalten. «Indem man nicht weiss, welcher noch schwererer Zukunft wir entgegensehen müssen, ist die Abhaltung eines solchen Kurses gewiss sehr am Platze», hiess es. Da der Kurs insbesondere auch die Zuckernot berücksichtigen wollte, war an einer zahlreichen Beteiligung nicht zu zweifeln.

21. Juli: Unter dem Titel «Voralp 1917» veröffentlichte die Autorin Dely Heller in der Zeitung das folgende Gedicht: «Fernab von des Krieges Jammer, liegt ein ­Eiland still verborgen – mir gewählt zur stillen Kammer, auszuruhn von Angst und Sorgen. Und ich harr’ am stillen Abend, lauschend an der Berges-Lehne, dass beim Läuten sanft und labend, sich die Seele aufwärts sehne. Lasst die Glocken tönen – klingen, weit ­hinaus ins Nachbarland, bis im fernen Völkerringen, Frieden bietet Bruderhand!»

Und noch eine Meldung vom 31. Juli: «Dieser Tage wurden einige Fässer Most› eines St. Galler Butterhändlers zum Versand an den Bahnhof gebracht. Beim Verladen der Fässer ereignete sich ein Missgeschick, der Boden eines der Fässer fiel heraus. Das Bahnpersonal war nicht wenig erstaunt, als statt Most Butter zum Vorschein kam. Der Inhalt der mit ‹Most› deklarierten Fässer war also Butter. Wenn die Butter in Mostfässern abwandert, dann ist es allerdings zu begreifen, dass man trotz der ungeheuerlichen Preise kein Stückchen Butter bekommen kann.»


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