Vom Schmugglerleben im Grenzbahnhof

BUCHS ⋅ Raucherwaren und Süssstoff fanden nicht immer auf dem regulären Weg zwischen dem Grenzort und dem benachbarten Österreich ihre Abnehmer. Das war Schmuggel.
15. April 2017, 08:32
Hansruedi Rohrer

Hansruedi Rohrer

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Natürlich waren Zöllner und Grenzwächter im Grenzbahnhof Buchs und im benachbarten Vorarlberg schon früher stets auf der Hut und stellten wohl auch immer wieder Personen zur Rede, die unrechtmässig Waren ein- beziehungsweise ausführten. Vor nunmehr 118 Jahren spielte sich eine Geschichte ab, die unter dem Titel «Aus dem Schmugglerleben» von Arthur Achleitner als Vorarlberger Erinnerungen im 3. Jahrgang der illustrierten Zeitschrift «Die Schweiz» 1899 Aufnahme fand. Wörtlich steht da geschrieben: «Will ein junger österreichischer Zöllner dienstliche Erfahrungen und interessante Erinnerungen sammeln, so muss er eine Stellung an der schweizerisch-vorarlbergischen Grenze annehmen und dort sozusagen die hohe Schule des praktischen Schmugglertums studieren. Man schwärzte in jenem Bezirk noch vor zehn Jahren auf geradezu geniale Art und zur hellen Verzweiflung des Grenzwachtpersonales, das durchweg aus erfahrenen Beamten und Bediensteten bestand, keineswegs aus Neulingen im Dienst. Doch alle Geriebenheit nütze nichts, die Schmuggler waren den Zöllnern an Schlauheit über, sie wären, der Himmel weiss, wie lange, Sieger geblieben, wenn nicht der Zufall mitunter seine segensreiche Rolle gespielt hätte.

Von Wien aus wurde das Grenzpersonal an der schweizer-vorarlbergischen Grenze angehalten, die grösste Wachsamkeit zu entfalten und besonders den Cigarrenschmuggel zu steuern, da in Wien ganz auffällig viel Schweizer Cigarren gehandelt würden, die zweifellos ‹zollfrei› nach Österreich gebracht worden sein müssten. Solchem Wink entsprechend, entwickelten die Finanzer (Aufseher) und die Beamten einen grossartigen Eifer, aber das Resultat blieb völlig aus, es war niemand auf Schmuggelpfaden zu erwischen, nicht im freien Felde, nicht auf der Zollstrasse, nicht im Bahnhof des Grenzstädtchens. Die Oberbeamten wurden ärgerlich, die Kleinbeamten wild, ganz rabiat die Aufseher, auf welche es Vorwürfe regnete. Besonders nahm sich ein junger Zollassistent aus Innsbruck die Sache zu Herzen, aber alles Grübeln nützte nichts, bis der junge Zöllner auf den ingeniösen Gedanken verfiel, seine eigene Nase in den Grenzdienst zu stellen. Schlankweg her­ausgesagt: der Zöllner wollte den Schmuggler tatsächlich riechen. Hierzu begann der Assistent sofort die nötigen Vorbereitungen, indem er der geliebten österreichischen Virginiercigarre entsagte, sich auf eidgenössischem Boden Schweizer Cigarren kaufte und nun deren Duft aufmerksam studierte. Schon nach drei Wochen vermochte der kluge Zöllner Cigarren beider Länder nach dem Geruche zu unterscheiden, und nun begann eine wahrhaftige Schnüffelei, indem der Assistent im Bahnhofdienst bei rauchenden Passagieren genau auf den Cigarrenduft achtete. So oft er aber das Gepäck eines Cigarrenrauchers nach Contrebande durchsuchte, es war nichts zu finden, die Reisenden hatten jeweilen nur die erlaubte Anzahl von zehn Stück fremdländischer Cigarren bei sich. Also kein Erfolg!

Doch eines Tages bekam der Zöllner den Duft einer ‹Schweizerin› in die Nase, und der Raucher war ein österreichischer Conducteur, der den Schnellzug von Buchs nach Wien zu begleiten hatte. Ein schwerer Verdacht stieg im Zöllner auf: Ein Wiener Conducteur raucht Schweizer Cigarren, und in Wien werden Schweizer Cigarren gehandelt; hier muss eine Verbindung inzwischen liegen. Wie aber dienstlich eingreifen? Das Handgepäck jenes Wiener Conducteurs wurde wie üblich revidiert, es enthielt nichts Zollbares, keine Cigarren. Der Revisionsaufseher durchsuchte das Dienstcoupé des Schaffners, nichts von Contrebande ist zu finden, der Conducteur bleibt gelassen, er verzieht keine Miene. Der Assistent ist felsenfest überzeugt, dass just der heutige Schnellzug, der in wenigen Minuten die Grenzstation verlassen soll, Contrebande in Cigarren enthält, aber der Zöllner weiss sich keinen Rat, wie sie finden.

Der famose Schmuggeltisch mit einer dritten Schublade

Das erste Zeichen zur Abfahrt ist gegeben, die Reisenden haben Platz genommen, auch der Conducteur nähert sich seinem Dienstwagen, diesmal schmunzelnd. Des Zöllners scharfer Blick hat das verdächtige Schmunzeln wahrgenommen, rasch nähert sich der Beamte dem Schaffner und fordert ihn auf, augenblicklich die geschmuggelten Cigarren herauszugeben. Ein spöttisches Grinsen ist die Antwort. Der Jourbeamte gibt das Signal: ‹Ab!›

‹Halt!›, schreit der Zollassistent. Grosse Aufregung, die sich steigert, als der Zollinspektor dazukommt und den nach seiner Meinung übereifrigen Assistenten wegen der Verzögerung im Abfertigungsdienst rüffelt. Schamerglühend, doch bestimmt erklärt der junge Beamte, die Verantwortung für alles zu übernehmen, doch der Schnellzug müsse liegen bleiben, bis die Contrebande herausgegeben sei. ‹Also rasch! Suchen Sie!›, befiehlt der Zollinspektor und fragt den Wiener Conducteur persönlich nach etwaiger Contrebande, der rundweg alles ableugnet. ‹Na also! Herr Assistent, Sie blamieren das ganze Zollamt und tragen eine schwere Verantwortung!› Der junge Zöllner aber war inzwischen in den Dienstwagen gestiegen und zog vom Manipulationstisch jede Lade auf, forschte in allen Ecken, selbst das kleine Sofa wurde gründlich untersucht. Nichts zu finden. Warum aber steht der Tisch so fest an die Wand gerückt? Ein Griff, bei Gott, der Tisch hat noch eine, eine dritte Schublade an der der Wand zugekehrten Seite! Etwas ganz Ungewöhnliches! Ein Riss am Knopf dieser verdächtigen Schublade, und vier Cigarren-Kistchen fallen heraus! Heureka! Der Schnellzug konnte abfahren, doch ohne die Contrebande und ohne den Professionsschmuggler, für welchen ein anderer Conducteur nach Wien fahren musste. Auch der famose Schmuggeltisch blieb in Buchs, und ohne ihn lohnte sich der Cigarrentransport Buchs–Wien nicht mehr.»

Ein anderer Schmugglertrick von 1911

Der W&O vom 17. Mai 1911 berichtet von einer anderen abenteuerlichen, aber wahren Schmuggelgeschichte: «Bekanntlich steigt das Trassee der Österreicherbahn vom Bahnhof bis zur Rheinbrücke ganz bedeutend, so dass die schweren Güterzüge, die eine kurze Strecke zur Anfahrt haben, nur ganz langsam die Steigung überwinden können. Die Fahrt verlangsamt sich derart, dass man bequem eine grosse Strecke mitgehen könnte. Diese Umstände haben sich einige raffinierte Schmuggler zunutze gemacht, um ihr Saccharin (synthetischer Süssstoff) nicht nur bequem und unauffällig, sondern auch unentgeltlich durch die österreichische Bahn über die Grenze schaffen zu lassen. Sie gingen folgendermassen vor: Wenn der Abendgüterzug den Bahnhof verlassen hatte und an die starke Steigung kam, wartete dort am Bahndamm ein Helfershelfer und stellte dort seine bereitgehaltenen Saccharinpakete, die in dunkles Papier eingehüllt waren, rasch und unauffällig auf das Trittbrett eines bestimmten Wagens und verschwand wieder. Drüben vor der Einfahrt in Schaan, wo der Zug seine Fahrt wieder verlangsamen muss, war der zweite Mann am Bahndamm postiert, holte sich seine Pakete weg und verschwand damit im Dunkel der Nacht. Die Schmuggler konnten umso sicherer operieren, als die Bahn an den betreffenden Stellen durch unbelebtes Gelände führt und sie für ihren Trick nur die Abendgüterzüge benützen. Nach der Entdeckung dieser nicht ungeschickten Schmugglermethode wurde der Bahnkörper strenger überwacht.»


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