90 Jahre harte Arbeit prägten sein Leben

TOGGENBURG ⋅ Der Hausierer Gregorius Aemisegger (1815–1913) aus Hemberg hat zeit seines langen Lebens immer gearbeitet – überall dort, wo es Arbeit und einen kleinen Verdienst gab. Dabei fand er noch Zeit und Musse, seine Lebenserinnerungen schriftlich festzuhalten.
26. April 2017, 05:17
Fabian Brändle

Fabian Brändle

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Wie für «Armeleutekinder» damals üblich, begann der 1815 geborene Hemberger Gregorius Aemisegger bereits mit fünf Jahren zu arbeiten. Der Knabe hütete das Vieh der kinderreichen Familie, machte allerhand Besorgungen, half, wann immer er gebraucht wurde. Nach Schule und Konfirmation schweifte Aemisegger in die Ferne, arbeitete hier und dort, als Knecht, Gärtner oder als Strassenbauer. Dann versuchte er, sich nach seiner Heirat als Kleinbauer selbstständig zu machen, geriet jedoch alsbald in Schulden und dachte sogar an Selbstmord. Er stand bereits auf der Brücke und dachte daran, sich in den reissenden Bach zu stürzen.

Geldschulden gereichten damals zu Spott und sogar zur politischen Entrechtung. Doch gab Aemisegger nicht auf, kam wieder auf die Beine, auch finanziell. In der Stadt St. Gallen arbeitete er im Bürgerspital als beliebter Altenpfleger, ehe er mit Stoffen, die eine Tochter in Heimarbeit hergestellt hatte, hausieren ging. Bald hatte er eine Stammkundschaft. Aemisegger war bei seinen Kundinnen und Kunden wohlgelitten, wohl auch wegen seines biblischen Alters: Er ging über Stock und Stein, bis er 95 Jahre alt war! Neunzig Jahre harte Arbeit, und: Der Hausierer fand noch Zeit und Musse, sein Leben aufzuschreiben!

Ein schreibender Hausierer in der Ostschweiz

Es war mir eine grosse Freude, der gut leserlichen Schrift Aemiseggers zu folgen und seine Autobiografie herauszugeben. Die Edition des im Toggenburger Museum Lichtensteig (TML) archivierten Manuskripts erschien im Jahre 2007 im Toggenburger Verlag und fand so eine grosse Leserschaft, dass eine zweite Auflage nötig wurde. Ich war überrascht, als ich feststellte, dass der Hemberger Aemisegger kein Einzelfall war, denn auch weitere Deutschschweizer Hausierer griffen zu Griffel und Feder, so bereits im 19. Jahrhundert der blinde Luzerner Martin Birrer, der Solothurner Peter Binz und im 20. Jahrhundert der lange Zeit im Sarganserland ansässige Untervazer Korbmacher Josef Hug (1903–1985).

Allen gemeinsam war die «Vielberufigkeit» sowie die hohe räumliche Mobilität. Sie gingen dorthin, wo es Arbeit gab, und waren sich auch für strenge «Chrampferei» nicht zu schade. Dennoch wurden sie nicht reich, im Gegenteil: Einen grossen Teil ihres Lebens verbrachten die schreibenden Hausierer in bitterer Armut. Die geografische Mobilität korrespondierte nicht mit der sozialen Mobilität gegen oben. Immerhin war es Gregorius Aemisegger vergönnt, der demütigenden Armengenössigkeit in einem Bürgerheim zu entgehen. Als Selbstständiger hielt er sich und seine kleine Familie bis zum Tode am Vorabend des Ersten Weltkrieges über Wasser. Politisch war der strenggläubige Protestant und «Neo-Pietist» konservativ und war beispielsweise ausdrücklich gegen Streiks eingestellt. Hatte er nicht mit seiner Tatkraft bewiesen, dass es mit Fleiss und Disziplin auch ohne Gewerkschaften ging?

Als Greis profitierte Aemisegger von der Freigebigkeit und vom Mitleid sozial und christlich denkender Ostschweizerinnen und Ostschweizer gegenüber Alten und Gebrechlichen. So war das Korbtragen ein Refugium für Menschen mit Behinderungen, dies alles in einer Zeit vor AHV und IV.

Ein grosser Menschen- und Tierfreund

Als Jüngling unternahm Aemisegger eine längere Reise, die ihn an den Vierwaldstättersee führte: «Bey Telskapel tat ich ein Gelübde, das ich das Gute fördern, den Bösen entgegen seyn wolle, gleich dem Tell wolle ich sejn. Ein Helfer in der Noth, ein Retter in Gefahr, so viel nach meinen Kräften möglich sey.»

Wilhelm Tell war nicht nur der populäre Freiheitsheld der mythischen Schweizergeschichte, er galt auch als Freund der Armen, stammte er doch, so der Mythos, aus einfachen Verhältnissen. Tatsächlich bot sich Gregorius Aemisegger so manche Gelegenheit, Armen, Kindern, Behinderten und Witwen zu helfen. Zupass kam ihm sein häufiges Wandern auf Strassen, wo er Leidenden persönlich begegnete. Aemisegger schreibt, wie er Menschenleben rettete, Kranke betreute, Sterbende begleitete. Er sah sich als Werkzeug Gottes an, dazu berufen, zu helfen und Trost zu spenden. Doch nicht nur Menschen gegenüber hatte Gregorius Aemisegger ein besonderes Gespür. Auch der Umgang mit Tieren lag ihm sichtlich.

Ein Hund, den er oft sah, hing besonders an ihm. Als er kränkelte, streichelte ihn Aemisegger liebevoll: «Legte ich meinen Arm um seinen Hals. Unten angekomen, legte er sich ins Gras, sah mich mit seinen nassen Augen wemütig an.» Anschliessend schreibt Aemisegger über einen Hund, der ein Menschenleben rettete.

Auch mit Kühen und Pferden vermochte er zu kommunizieren, er war eine Art Kuh- und Pferdeflüsterer. Eine böse Kuh, berüchtigt als «Stecherin», zähmte er, indem er ihr flattierte. Er kratzte sie am Hals, worauf sie ihn ableckte. Die Passage belegt die Tierliebe und die Tierkennerschaft Aemiseggers. Ein Hund begleitete Elsbeth Aemisegger, die Schwester Gregorius’, beim Sterben. Als sie tot war, verweigerte er die Nahrungsaufnahme. Aemisegger verkaufte ihn ins weit entfernte Degersheim, von wo aus er zweimal zurückkehrte. Schliesslich beschloss man, den Darbenden zu töten.

Aemisegger war der Meinung, dass Tiere ein Gedächtnis haben und sogar Gefühle zeigen können. Als Beweis dafür führte er an, dass die Kühe den Weg auf die Alp Selun allein fänden, dieweil die Sennen im Starkenbach im Wirtshaus «Drei Eidgenossen» Wein trinken würden. An anderer Stelle führt Aemisegger an, wie ein Pferd seinen Geburtsort wiedererkannte. Aemisegger mischte sich in die damals umstrittene Frage ein, ob Tiere ein Bewusstsein haben oder nicht. Französische Aufklärer wie René Descartes hatten behauptet, dass Tiere reine Maschinen seien, nicht vernunftbegabt wie die Menschen. Diese Maschinentheorie wurde bereits im 18. Jahrhundert heftig kritisiert. Im 19. Jahrhundert waren Wissenschafter der Meinung, dass Hunde intelligente Wesen seien. Ein Anhänger Charles Darwins meinte, dass Hunde «Zweidrittelsmenschen» seien. Er pries den Verstand, das Gedächtnis, die Anhänglichkeit, die Dankbarkeit, die Wachsamkeit, die Liebe zum Herrn des Hundes sowie seine Geduld im Umgang mit Menschenkindern und wies auf den Hass und die Wut hin, die Hunde den Feinden ihres Herrn entgegenbringen. Diese dem Hund zugeschriebenen positiven Eigenschaften wurden im populären Tierleben Brehms vermerkt.

Es kann sein, dass Aemisegger dieses Buch kannte und als Beobachter und Praktiker bewusst an einer wissenschaftlichen Debatte teilnahm. Aemisegger äusserte sich auch zur Nutztierfrage. Er zählte auch die Krähen zu den nützlichen Tieren: «Im Winter haten wir oft 6 Stück Krähen vor dem Stubenfenster. Sie benahmen sich ganz zahm. Von meiner Frau nahmen sie den Proviant ab der Hand. Wan der Hünervogel ein Henne hollen wolte, wahren oft 4 Stück bereit, im den Laufpass zu geben. Als an einem Herbste die Engerlingen dermassen in der Wiesen los machten, kamen drej Nächte nacheinander grosse Flüge Krähen und blieben bej uns über Nacht. Sie wahren uns sehr wilkomne Gäste, wir mussten das folgende Jahr keine Krähen fangen. Ein Beweis, das die Krähen auch zu den nüzlichen Tieren gehören.»

 

Brändle, Fabian (Hg.). Das lange Leben eines Toggenburger Hausierers. Gregorius Aemisegger (1815–1913). Wattwil 2007 (2. Auflage Wattwil 2008). Brändle, Fabian. Über Stock und Stein, bei Wind und Wetter. Schweizerische HausiererInnen in (auto-)biographischen Texten. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2006, S. 93–102.


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