Was folgt nach Lampedusa?

Das Musiktheater «Nach Lampedusa – Wandererfantasien» zeigte im Werdenberger Kleintheater fabriggli in Buchs ein dramatisches Bild auf, welchem Flüchtlinge ausgesetzt sind, wenn sie in die Schweiz kommen – berührend und erschütternd.
18. Januar 2016, 02:35
HEIDY BEYELER

BUCHS. Den drei Künstlern – Ursina Greuel, Schauspielerin, Daniel Hellman, Sänger, und Samuel Fried, Pianist – ist es gelungen, die Gäste zu berühren, sie aber auch nachdenklich zu stimmen. Die Fremden, von denen die Rede ist, rücken damit viel näher an die Zuhörer heran.

Dokumentarisch festgehalten

Das Musiktheater zeichnet sich aus durch ein aussergewöhnliches Zusammenspiel von romantischer Musik von Franz Schubert mit Gesang und den knallharten Fakten der Bürokratie, denen Asylsuchende ausgesetzt sind. Sie kommen voller Zuversicht, hegen Erwartungen der Unterstützung, der Hilfe – und werden dabei enttäuscht.

Der Text für das Stück, der teils einem unvorstellbaren Verhör gleicht, wurde aufgrund von Gesprächen mit Asylsuchenden direkt sowie aus dokumentarischen Quellen zusammengetragen. Dabei rezitierte Ursula Greuel die Texte in einer Art Beamtenherrschaft, durch welche die gespielten Interviews mit den fremden Menschen (Daniel Hellmann) beängstigende, ja demütigende und schreckliche Gestalten annahmen. Fragen, die grosses Misstrauen gegenüber den Neuankömmlingen bekunden, wurden aus den Akten zitiert.

Auf der Flucht

Die Fremden, so erzählten sie, wurden mit erschütternden Situationen konfrontiert, die sie vorher noch nie erlebt hatten. Über die Zeiten in Asylzentren wollen die meisten allerdings nicht reden – aus Angst. Vielmehr erzählen sie über ihre Flucht. Daniel Hellmann zitiert: «Ich war auf einem Boot. Fünf Tage ohne Wasser. Es waren über 100 Leute auf diesem Boot. Ich hatte nur meine Kleider und ein Handy dabei. Meinen Pass und das restliche Geld – ein paar Münzen – warf ich über Bord – wegen der Identifikation. Die Überfahrt hat 4000 Dollar gekostet. Fragen Sie nicht, woher ich das Geld hatte. Fünf Tage ohne Wasser! Ich habe mehrere Tage durchgehalten. Und dann? Dann bin ich ertrunken.»

Grenzen werden durchlässig

Die romantischen – manchmal auch vehementen – Klavierklänge von Schuberts «Wanderer-Fantasie», hervorragend gespielt von Samuel Fried, taten gut, nach all den Schreckensgeschichten von Menschen auf der Suche nach einem besseren, friedlicheren Leben. So wie es einst viele unserer Vorfahren getan hatten, als sie auswanderten – nach Übersee.

In diesem Stück treffen Lebensgeschichten von Flüchtlingen auf einen mächtigen Verwaltungsapparat. Es wird anhand von Aktenstapeln aufgezeigt, welche Schicksale in den Händen dieser Menschen liegen. Mit den Geschichten – in Verbindung mit Schuberts Kunstlied «Wanderer-Fantasie» – wird dem Publikum der vorgetragene Inhalt zum Thema Flüchtlinge erträglicher gemacht – «die Grenzen zwischen Vertrauten und Fremden werden durchlässig», wie es in der Vorschau zu diesem Musiktheaterabend zu Recht hiess.

Nach der Vorstellung verweilten die meisten Theaterbesucher noch lange im Foyer und diskutierten weiter über das einzigartige Format dieses Musiktheaters und die aktuelle Lage der Flüchtlinge. Sie waren teils zutiefst betroffen und erschüttert über die Situationen, denen Asylsuchende bei der Aufnahme in der Schweiz ausgesetzt sind. Ein Musiktheater, das mit einer hohen Rechercheleistung brilliert und deshalb die kritischen Voten der Darsteller glaubwürdig macht.


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