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Tagblatt Online, 09. Februar 2010 01:04:52

Stiftsbezirk vor Bomben schützen

Als erstes Land der Welt könnte die Schweiz beantragen, den St. Galler Stiftsbezirk unter den höchsten Schutz des Haager Abkommens stellen zu lassen. Und damit Geschichte schreiben. Bis dahin sind aber noch einige Hürden zu nehmen.

ODILIA HILLER

ST. GALLEN. Das St. Galler Weltkulturerbe, der Stiftsbezirk, hat intakte Chancen, demnächst auf nationaler und internationaler Ebene von sich reden zu machen. Und zwar als erstes Kulturgut weltweit, das unter den höchstmöglichen internationalen Schutz gestellt wird, den es zurzeit gibt: den absoluten Schutz vor militärischen Angriffen.

St. Gallen als Vorreiter

«Ergreifen sie diese Chance, könnten die Schweiz und St.

Gallen tatsächlich ein wenig internationale Geschichte schreiben», sagt Kerstin Odendahl, Professorin für Völkerrecht an der Universität St. Gallen und Mitglied des Schweizerischen Komitees für Kulturgüterschutz. Im Falle eines Krieges definiert das Zweite Protokoll des Haager Abkommens, das internationales Kriegsrecht regelt, auch den Schutz von Kulturgütern.

Seit November 2009 können Staaten die höchste Schutzkategorie beantragen, den sogenannten «verstärkten Schutz» für Monumente von «höchster Bedeutung für die Menschheit». Stellt die Schweiz als erstes Land ein Gesuch, «könnte St. Gallen Massstäbe setzen für alle nachfolgenden Länder». Da die Kriterien zur Anwendung der Schutzkategorie erst theoretisch formuliert sind, aber noch nie angewendet wurden, erhielte das erste Monument, das in den Genuss des höchsten Schutzes käme, eine Art Vorreiterrolle.

«St. Gallen erfüllt als eines der wenigen Kulturgüter der Schweiz die besonderen Schutzkriterien», sagt Kerstin Odendahl. Dies bestätigt auch Rino Büchel, oberster Kulturgutschützer im Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Er war beteiligt, als im Unesco-Hauptsitz in Paris im vergangenen November die Kriterien der neuen Schutzkategorie ausgearbeitet wurden.

Bellinzona fällt weg

Drei Kriterien muss ein besonders schützenswertes Kulturgut erfüllen: Nebst seiner «höchsten Bedeutung für die Menschheit» darf es nicht militärisch verwendet werden oder sich in der Nähe militärischer Einrichtungen befinden. Zudem muss es bereits zu Friedenszeiten «innerstaatlich unter höchstem Schutz» stehen. Was das dritte Kriterium im Einzelfall bedeutet, ist laut Kerstin Odendahl mangels Beispielen noch alles andere als klar. «St. Gallen wird daher nachweisen müssen, dass der Stiftsbezirk schon jetzt besonders geschützt wird.

Das gilt nicht nur für den Denkmalschutz, sondern auch hinsichtlich des Katastrophenschutzes und des Schutzes von Bibliothek und Archiv», sagt die Völkerrechtsprofessorin.

Im Gegensatz zum Unesco-Weltkulturerbe, zu dem St. Gallen seit 1983 gehört, würden im Rahmen der Haager Konvention auch «bewegliche Kulturgüter» wie Archive und Bibliotheken besonders geschützt. Im Falle eines Krieges wären also nicht nur die Kathedrale, sondern auch das Stiftsarchiv mit Tausenden von unersetzbaren Dokumenten auf nationaler und internationaler Ebene von militärischen Angriffen absolut ausgenommen. Vermutlich werde die Schweiz für «zwei bis drei Objekte» Gesuche an den internationalen Ausschuss stellen. Ausser dem Stiftsbezirk würde laut Büchel auch das Kloster Müstair die Kriterien erfüllen. Andere Monumente wie die Burgen von Bellinzona erfüllen die militärischen Voraussetzungen nicht und kommen deshalb nicht in Frage. Altstädte und Naturlandschaften sind ebenfalls ausgeschlossen. Das allfällige dritte Objekt ist laut Büchel noch streng geheim. Zuversichtlich zeigt er sich aber, was St. Gallen angeht. «Sicher ginge damit ein Popularitätsschub für die Gallusstadt einher.» Frühestens in der zweiten Hälfte des Jahres 2011 wäre gemäss Kulturgüterchef des Bundes mit der neuen Klassifizierung zu rechnen.

Kanton ist «motiviert»

Am kommenden 18. Februar findet ein weiteres Treffen aller Beteiligten statt. Der Kanton St. Gallen wird mit der Leiterin des Amtes für Kultur und ihrem Stellvertreter sowie dem kantonalen Denkmalpfleger vertreten sein. Florian Eicher, stellvertretender Leiter des Amtes für Kultur und Leiter des Weltkulturerbe-Forums, bekräftigt das «grundsätzliche Interesse» des Kantons: «Wir sind motiviert, in diese Schutzkategorie aufgenommen zu werden.» Allerdings gelte es zunächst abzuklären, wie gross der Aufwand sei.





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