Tagblatt Online, 14. Dezember 2009 01:04:24
Jallälla Bolivia – Evo Presidente
E-MAIL AUS BOLIVIEN
Lokal der MAS vor der Wahl, Copacabana.
Jallälla Bolivia – Evo Presidente
Da wo sonst reges Treiben herrscht, bleibt für heute alles still, gespenstisch still. Wir schreiben den 6. Dezember 2009: Präsidentschaftswahlen in Bolivien. Jeglicher Verkehr ist heute verboten, ob öffentlich oder privat. Es fahren also keine Busse, keine Taxis, keine Privatautos, rein gar nichts.
Nicht einmal die Boote zur Isla del Sol (Sonneninsel) dürfen heute fahren.
Es ist merkwürdig, keinen Motorenlärm zu hören. Die Bevölkerung hat sich in ihren Häusern verkrochen, die Strassen bleiben leer. Nur ein paar verlorene Touristen irren herum. Auch der Verkauf und der Ausschank von Alkohol sind heute nicht erlaubt.
Bereits 48 Stunden vor den Wahlen darf kein Alkohol mehr konsumiert werden – immerhin sollen die Wähler mit klaren Köpfen an die Urnen gehen. Am Vormittag können wir am Fernseher live mitverfolgen, wie der Präsident im Beisein von Medien seine Stimme abgibt. Um den Mittag herum macht sich dann das Volk an die Urnen. Bereits zwei Monate vor den Wahlen wurden alle Einwohner mit Foto und Fingerabdruck registriert und sind somit berechtigt, ihre Stimme abzugeben.
Fiesta, Tanz und viel Alkohol
Um 20 Uhr am selben Tag sitze ich in meinem Zimmerchen, schaue DVDs und stricke, da höre ich Feuerwerk, fröhliche Musik und freudige Stimmen. Sofort gehe ich nach draussen, um zu sehen, was los ist. Es findet ein Umzug der Evo-Anhänger statt. Bereits jetzt ist klar, dass er der Sieger der Wahl ist. Die Stimmung ist feucht-fröhlich. Die Leute gehen tanzend mit Trommeln und Panflöten durchs Dorf.
Sie tragen die blau-weiss-schwarzen Fahnen der MAS (Partei Evos; Movimiento al Socialismo) und eine Wiphala (regenbogenfarbene Fahne der Indígenas) mit sich. Bei ihrem Lokal gibt es dann Ansprachen in Aymara und Spanisch, harass-weise Bier werden angeschleppt, Konfetti werden gestreut und es wird getanzt und gefestet zur typischen Panflötenmusik.
Ich schaue dem Treiben ein Weilchen zu und freue mich mit ihnen. Evo wurde mit knapp 63 Prozent zu einer zweiten Amtszeit gewählt; die Wahlbeteiligung lag bei über 90 Prozent. Er ist der erste indigene Präsident Boliviens, stammt aus sehr armen Verhältnissen, ist Führer der linksgerichteten Sammelbewegung MAS (Bewegung zum Sozialismus – más bedeutet auf Spanisch «mehr») und setzt sich vor allem für die Coca-Bauern ein. Danach gehe ich zurück in mein Zimmer – an Schlaf ist aber in dieser Nacht nicht zu denken.
Zu gross ist der Lärm, der von draussen hereindringt.
Im Vorfeld der Wahlen
«¡Jallälla Bolivia, Evo Presidente!» Es lebe Bolivien, Evo Präsident! – Dieses Lied hörte ich in den letzten Wochen täglich, in einer ungeheuren Lautstärke und ununterbrochen von frühmorgens bis spätabends. Die Wahlkampagne des Präsidenten Evo Morales hat sich gelohnt! Das ganze Dorf wurde mit Evo-Plakaten mit der Überschrift «Evo Pueblo» oder «Evo, el pueblo está contigo» (Evo, das Volk ist mit dir) geschmückt.
Auch sah man überall die blau-weiss-schwarzen Fahnen seiner MAS.
Es wurden Faltblätter verteilt und kleine Prospekte mit den 100 Erfolgen von Evo in den letzten vier Jahren. Da geht es zum Beispiel um die Altersvorsorge, um den Kampf gegen die Drogen und die Korruption, um den Abbau von Schulden, um die Unterstützung der Bauern, um die Versorgung der Bevölkerung mit Gas, Strom und Wasser, um das verbesserte Gesundheits- und Bildungssystem, um die Senkung der Armut und um die Schaffung von Arbeitsplätzen.
Ob er all den Erwartungen der Bevölkerung gerecht werden kann, wird die Zukunft zeigen. Der Grossteil der Bevölkerung Copacabanas ist auf jeden Fall sehr zufrieden mit dem Ausgang der Wahlen. ¡Jallälla Bolivia, Evo Presidente! Claudia Risch
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