Tagblatt Online, 19. Juli 2010 07:52:00
Aus Altsanktwildwasser-Unterhaus
Philipp Brändle (unten) und Daniel Koller üben sich an Dongua Lis Meisterstück der Olympiade 96. (Bild: Bilder: Michael Hug)
UNTERWASSER. Zum zweiten Mal hat am Freitag in Unterwasser die Talentshow «Open Stage» stattgefunden. Im Zeltainer wurden erfolgsversprechende Grundsteine für eine Weltkarriere gelegt – oder eine verhinderte endgültig abgeschlossen.
Michael Hug
«So mancher Hut macht schier aus jedem Mann einen Kavalier!» Erika Müller, pensionierte Hausfrau, kam aus dem Rheintal um ihre «Ode an den Hut» zu präsentieren. In charmanter Weise trug sie ein zehnminütiges Gedicht voller Ehrbezeugungen an ihr Lieblingskleidungsstück, den Hut, vor. Sie hat die Vorteile eines eleganten oder chicken Damenhuts längst erkannt und weist ihm sogar heilende, zumindest gegen Krankheiten und Depressionen schützende Wirkung zu: «Tut ja nicht zum Doktor laufen, besser ist's einen neuen Hut zu kaufen!»
Anmutig und rhetorisch begabt
So anmutig und rhetorisch begabt die einen, so artistisch und clownesk gaben sich andere Teilnehmer auf der Bühne. Zum Beispiel Philipp Brändle und Daniel Koller aus Alt St. Johann. Die beiden Turner zeigten den einstigen Spitzenturner Dongua Li, wie er wohl in 30 Jahren auf dem Pferdpauschen Figur machen würde. Jawohl, richtig gehört: Um den Olympiasieger von 1996 nachzuahmen muss man auch als ambitionierter Hobbyturner zu zweit sein.
Erst recht wenn eine Balance zwischen artistischem Turnen auf höchstem Niveau und heiterer Comedy gefunden werden soll. Wären die Zuschauenden nicht durch etliche Lachnummern davor schon angeheitert gewesen, so wurden zu diesem Zeitpunkt die Zwerchfelle bis zum Äussersten strapaziert.
Lach- und Krachnummern
Es jagte eine Lach- und Krachnummer die andere.
Dass wiederum so viele Talente den Mut aufbrachten den fast ausverkauften Zeltainer zu unterhalten, damit hätte auch Moderator Martin Sailer nicht gerechnet. Und da fast alle Auftretenden zum ersten Mal dabei waren, wusste auch er nicht, was da auf ihn und das Publikum zukam. Man konnte zwar erahnen, was Hansruedi Fischer vortragen würde, als er hinters Stehpult trat, doch der Inhalt seiner mit Ironien vollgestopften Rede war neu: «Seit Ernst Fries vor drei Wochen seinen
Wildhauser Haarverkürzungsladen dicht gemacht hat, sind wir hier schier pausenlos sprachlos, ich möchte fast von nachrichtenlosem Unvermögen reden. Wir können uns doch nicht nur mit dem neuen Leuenberger-Ärger von Toni Brunner und den Kriminalstatistik-Nachbetereien von Jeff Bleiker unsere Sommerlöcher stopfen lassen.» Fischer weiter: «Wir müssen uns umsichtig umsehen, was sich denn sonst noch so tut rund um unser aller Altsanktwildwasser Unterhaus und es kommunizieren.
Früener hätt mer halt gschnorret mitenand. Überzeugt und nicht überzogen!» (Siehe Kasten).
Nicht zum ersten Mal traten Laura Mäder und Nadja Wittenwiler öffentlich auf. Mit Stimme und Gitarre widmeten sie sich aktuellen Hitparadenrennern, und zwar auf eine derart unbeholfen-lässige-sympathische Weise, die Begeisterungsstürme und eine Zugabe induzierte.
«Wollt ihr so eine kleine Megazugabe?» fragte Mäder – das Publikum bekam sie höchst explosiv mit dem AC/DC-Klassiker «TNT».
Probleme mit Sex lösen
Mut zum Bühnenauftritt zeigten auch Martin Wenk aus Starkenbach und Paul Bösch aus Ebnat-Kappel. Der eine, Wenk, stellte in zehn Kurznummern die zehn aktuellen Mister-Schweiz-Kandidaten vor. Viktor, Daniel, Pirmin, Ali – alle waren dabei, der Bauer, der Secondo, der Macho.
Charaktere waren kein Hindernis für den begnadeten Parodisten Wenk, ebenso wenig wie die Dialekte der Schönen. In einem staksigen Vortrag mit äusserst ernstem Grundton wies Paul Bösch auf die Notwendigkeit von Veränderungen hin. Der Oktopus könne sich selbst ein Schweizerkreuz auf die Haut projizieren, wenn man ihm während des Essens ein solches hinhalte. Er sei eben bereit für Veränderungen. Und: «Die Bonobos lösen alle Probleme mit Sex. Der Mensch gibt eintausenddreihundert Milliarden für Waffen aus.
» Veränderungen müssen also dringend eingeleitet werden, meint der pensionierte Industriedesigner, der an seinem Wohnort ein Büro für Veränderungen eröffnet hat. So unbeholfen und tiefgründig sein Kurzvortrag, so erstaunlich nonchalant hatte Bösch sein Publikum innert zehn Minuten auf seiner Seite: Alles klatschte und tobte schliesslich im Takt seiner programmierbaren Miniatur-Schlagzeugmaschine.
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