Tagblatt Online, 31. August 2010 01:05:22
Kirche wird zum Märchenschloss
Märchenhaftes gehört an den Nesslauer Sommerkonzerten: Die evangelische Kirche gab den passenden Rahmen für Mozart und Schumann. (Bild: Bild: rfo)
NESSLAU. Das dritte Nesslauer Sommerkonzert war den Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart und Robert Schumann gewidmet. Die drei Ausführenden Kathrin von Cube (Viola), Franco Mettler (Klarinette) und Risch Biert (Klavier) interpretierten die Werke mit musikalischem Teamgeist.
Vreni Neher
Das sehr abwechslungsreiche, sonntägliche Abendkonzert begann mit einem dreisätzigen Werk von Robert Schumann. Die Phantasiestücke bilden einen Zyklus mit verschiedenen Satzbezeichnungen und wurden komponiert für Klarinette und Klavier. Eröffnet wurde das Werk mit einem zarten, ausdrucksvollen Satz, mit beschaulicher Ruhe interpretiert.
Den gefühlvollen Momenten folgte ein lebhaft interpretiertes, temperamentvolles Motiv, vom Klarinettisten Franco Mettler hervorragend und stark akzentuiert gespielt. Nicht nur an ihn, auch an den Pianisten Risch Biert wurden hohe spieltechnische Ansprüche gestellt.
Kegel-Komposition
Mozarts Freund Anton Stadler war ein glänzender Klarinettist, der oft mit dem Wunderkind zusammen musizierte. Die beiden Freunde spielten aber auch Billard und gingen kegeln.
Anscheinend entstand bei so einer Kegelpartie das entzückende, leichtfüssige Kegelstatt-Trio für Klarinette, Viola und Klavier in einer eher ungewöhnlichen Besetzung. Der erste Satz ist ein zauberhaftes Andante, geprägt durch ein Doppelschlagmotiv, das sich weiterspinnen und verarbeiten lässt. Im Menuett wird einem etwas trotzig wirkenden Sujet eine beruhigende Antwort entgegengesetzt: Viola und Klarinette treten in einen Dialog. Die Klarinette klagt und die Bratsche beruhigt.
Das abschliessende Rondo zeigt sich bald virtuos-konzertant, bald schwermütig, bald romantisch-sehnsüchtig.
«Märchenerzählungen» für Klarinette, Viola und Klavier schrieb Schumann 1853. Die einzelnen Sätze sind durch ein Kernmotiv miteinander verbunden und kommen in mehreren Tonarten daher.
Eigene Märchenwelt erschaffen
Der Klarinettist Franco Mettler ermunterte das Publikum, anhand der gespielten Melodie eine eigene Märchenwelt aufzubauen, so dass man seiner Phantasie freien Lauf lassen konnte.
Die ersten Fragmente erinnerten mit ihrer grazilen Leichtigkeit an kleine Ballettschülerinnen, danach hüpften übermütige Kinder auf dem Pausenplatz, später waren es Zinnsoldaten, die sich in einem unbeobachteten Moment in Marsch setzten und rhythmisch durchs Quartier marschierten. Sehnsucht nach einer längst verlorenen Kinderwelt spürte man im dritten Satz mit seinem zarten Ausdruck, doch am Schluss herrschte Freude allenthalben – ein neuer Tag war angebrochen und
in einer farbig vitalen Darstellung interpretierten die drei Ausführenden das letzte Kapitel der Märchengeschichte. Nach einem langanhaltenden Applaus wurde dem begeisterten Publikum eine Zugabe gewährt.
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