Tagblatt Online, 30. August 2010 01:05:21
Wetten, dass in Oberhelfenschwil etwas los ist
Der Turnverein goss 175 Liter Wasser in eine Badekappe und der kleine Turner passte auch noch hinein.
Ohrenbetäubender Lärm, beissender Rauch, Gestank nach verbranntem Gummi. Von wegen, in Oberhelfenschwil sei nichts los. Es ist Samstagabend, kurz vor halb acht. Bald beginnt die dritte «Wetten, dass...?»-Ausgabe. Halb Oberhelfenschwil sitzt eng beisammen, durchfroren von der eisigen Kälte, und wärmt sich bei einem Raclette. Die dicke Kleidung des Publikums sowie die Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt, schafft Après-Ski-Atmosphäre.
Die Idee für die erste Wette muss wohl auch aus einer Après-Ski-Laune heraus entstanden sein. Wie sonst käme man auf die Idee, auf Skistöcken und Skispitzen balancierend, ohne den Boden zu berühren, eine dreistöckige Pyramide zu bilden. Die Akrobaten des Skiclubs scheinen die einzigen zu sein, die sich über das kalte Wetter freuen. Sonst wäre es in den Skianzügen kaum auszuhalten.
Hochkarätige Prominenz
Nach der ersten Wette konzentriert sich das Publikum wieder auf die Gespräche mit Thomas Gottschalk alias Marcel Blatter und der hochkarätigen Prominenz, Gemeindepräsident Toni Hässig und Kantonsrat Bruno Gubser. Nicht weniger wortgewandt und in der gleichen Kadenz wie Gottschalk schmettert Moderator Blatter den Promis heikle Fragen um die Ohren. Einzig seine Haarpracht kann nicht mit jener Gottschalks mithalten.
Dafür sorgt das Sofa umso mehr für Authentizität: Augenscheinlich haben die Organisatoren keine Kosten und Mühen gescheut, das Sofa aus der Erstausstrahlung von «Wetten, dass...?» nach Oberhelfenschwil zu bringen. Dasselbe könnte für die Gummibärchen gelten. Deshalb beklagt sich Bruno Gubser: «I hett lieber Brotwurscht als dere huere Gummibärli». Die Bratwurst bekam er dann auch.
Mit Sicherheit frisch ist das Bier, das «Rössli»-Wirt Pius Böni für die angeblichen Oberhelfenschwiler Bierexperten Simon Gubser, Walter Brändli und Adrian Manser ausgesucht hat. Böni wettet, dass die jungen Biertrinker nicht in der Lage sind, die verschiedenen Biere voneinander zu unterscheiden. Mit verbundenen Augen wollen die Wettkandidaten das Gegenteil beweisen. Mit Ausnahme des Wettsiegers Walter Brändli, scheiterten sie kläglich. Da hat sich der Kantonalbank-Angestellte Adrian Manser mit seiner Prognose ganz schön verspekuliert.
Nicht einmal das alkoholfreie Bier hat er heraus geschmeckt. Trotz des kalten Wetters fliesst genug Bier an diesem Samstagabend. Und geöffnet wird es auf spektakulärste Weise, in der Töff-Wette: Mit dem Hinterrad eines Töffs öffnen die Sieger dieser Wette 14 Flaschen Bier in einer Minute und produzieren dabei noch vielmehr Rauch, Lärm und Gestank. Warum sollte man auch einen Flaschenöffner benutzen, wenn man ein Motorrad hat?
Verführung fürs Publikum
Bier macht hungrig. Deshalb freut sich das Publikum ganz besonders über die Wette des Trachtenvereins. Dieser offeriert 200 Leuten ein feines Dessert. Innerhalb weniger als zehn Minuten schlagen sie Rahm von Hand steif, und bestreuen ihn mit Schokostreuseln und dem Sahnehäubchen, einer Meringue. Mit diesen Fähigkeiten würde der Trachtenverein bei jedem Bankett eine gute Figur abgeben.
Doch trotz dieses süssen Bestechungsversuches wählt das Publikum nicht die Trachtengruppe zum Wettkönig, sondern den Turnverein. Dieser hat eine original «Wetten, dass...?»-Wette aus dem Jahr 1983 wieder aufgegriffen. Mit vereinten Kräften füllen die Turnerinnen und Turner 175 Liter Wasser in eine Badekappe. Obendrein setzt sich ein junger Turner ins glücklicherweise warme Wasser.
Somit übertrumpfen sie die Originalwette und werden Wettkönige der dritten und vorerst letzten Ausgabe des Oberhelfenschwiler «Wetten, dass...?».
Auch die Promis Toni Hässig und Bruno Gubser verlassen das Festzelt als Sieger. Beide gewinnen ihre Saalwette problemlos. So bringt Toni Hässig praktisch alle Neuzuzüger der letzten vier Jahre auf die Bühne und Bruno Gubser kann sich auf seine Chorkollegen verlassen und der Chor rockt mit «Good News» die Bühne.
Doch nicht einmal mit der vom Publikum geforderten Zugabe gelingt es dem Moderator die obligate «Gottschalk'sche Überziehung» zu produzieren. Pünktlich um 22 Uhr verabschiedet er sich mit den Worten: «Au dä Marcel Blatter weiss irgendwenn nümä wa schnorrä.»
Annina Niedermann
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