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Tagblatt Online, 24. Dezember 2008 01:04:01

Gegen die Kälte unserer Zeit

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Ein Asylsuchender verrichtet das Abwaschämtli in der Unterkunft an der Ebnaterstrasse in Wattwil. (Bild: Bild: k)

Ein kalter Wind pfeift Asylsuchenden mit abgelehntem Antrag um die Ohren. Seit Januar ist das neue Asylgesetz in Kraft. Seither leben diese Menschen mit dem Minimalunterstützungsbeitrag des Nothilfegeldes, leben in der Kälte von Zivilunterkünften oder alten Häusern. Ihre Perspektiven für die Zukunft sind schwierig und trotz Weihnachtsfröhlichkeit und Lichterglanz bleibt ihnen oft das Lachen im Hals stecken.

Auch im Haus in der Ebnaterstrasse in Wattwil wohnt eine Handvoll Menschen. Sie kommen aus Nigeria, Iran oder Afghanistan. Sie teilen sich die Küchen des Hauses und die Nasszellen, sitzen in ihren Zimmern. Jetzt, wo es draussen unfreundlich und kalt ist, haben sie die Vorhänge meist zugezogen, verschlafen den Morgen und warten…

Küchenwelt

Heute aber versammeln sich die Männer in der Küche und besprechen die kommenden Tage. Zu Besuch ist Bernhard Schmid aus Wattwil, Mitglied des Solidaritätsnetzes Ostschweiz und Ansprechperson für die Flüchtlinge, die der Gemeinde Wattwil zugeteilt sind. Er gibt ihnen das Nothilfegeld, berät sie beispielsweise beim Gesuche schreiben und begleitet sie wenn nötig zu Fachstellen. Und natürlich hofft Bernhard Schmid auch, ein paar Gesichter von der Ebnaterstrasse in den kommenden Tagen in St. Gallen zu erblicken. «Es ist wichtig, dass ihr an die Pressekonferenz kommt», sagt er mit Nachdruck. «Ich bin dabei», sagt der junge Mann aus Afghanistan. Der Asylsuchende aus dem Iran ist sich noch nicht ganz sicher, aber er weiss: «Herr Schmid hilft uns und wir wollen deshalb seine Ideen unterstützen, wir wollen mit dem Solidaritätsnetz zusammenarbeiten, weil sie mit uns zusammen arbeiten.» Das könne Hoffnung in die Hoffnungslosigkeit geben, sagt er und spricht von seinen bösen Träumen und auch davon, wie dankbar er aller widrigen Zustände zum Trotz doch ist, weil er leben darf. «Im Irak wäre ich schon tot», sagt er leise und nennt einen Wunsch fürs kommende Jahr: Ein normales Leben haben, arbeiten, wie andere Menschen es tun. Auch der junge Mann aus Nigeria hat den Wunsch, dass er Arbeit findet, dass seinem Gesuch um Asyl stattgegeben wird und er sein Leben in Würde leben darf. Bereits gearbeitet haben zwei andere Männer. Sie leben schon seit einigen Jahren in der Schweiz und sprechen gut Deutsch. Durch das neue Asylgesetz haben sie von einem Tag auf den andern ihre Arbeit verloren und auch ihre Wohnung. Sie wurden der Gemeinde Wattwil zugeteilt, bekamen Logie an der Ebnaterstrasse und die täglich acht Franken Nothilfe für ihren Lebensunterhalt.

Gemeinsame Weihnachtstage

Das Solidaritätsnetz hat seit letztem Freitag ein Refugium für Flüchtlinge eröffnet in einem Privathaus, mitten in der Innenstadt von St. Gallen. Täglich werden drei Mahlzeiten angeboten, ein Matratzenlager dient zum Schlafen. Freiwillige des Solidaritätsnetzes und andere Engagierte haben ein vielseitiges Programm zusammengestellt. «Der Kälte in der Asyl-und Ausländerpolitik stellen wir die Stärke unserer Beziehungen entgegen. Dem entwürdigenden Leben in der Nothilfe begegnen wir mit solidarischem Zusammenleben», heisst es auf dem Flugblatt. Die Aufforderung des Solidaritätsnetzes ist einfach: Komm und leb für eine Woche, einige Tage, oder einige Stunden mit uns zusammen. Eingeladen sind Asylsuchende ebenso wie interessierte Schweizerinnen und Schweizer. Wer Esswaren mitbringt, ist hoch willkommen. Engel werden gebastelt, Guezli gebacken, Filme angeschaut, Weihnachtslieder aus aller Welt werden gesungen und eine World Music Disco aufgebaut. Gottesdienste sollen gefeiert, Politiker eingeladen und ein Weihnachtsbaum geschmückt werden.

Solidaritätsnetz Ostschweiz

Das Solidaritätsnetz ist eine soziale Bewegung, mit dem Ziel, in Freiwilligenarbeit Missstände zu skandalisieren, öffentlich zu machen und die Teilhabe der Asylsuchenden an der Gesellschaft zu ermöglichen. Zum Solidaritätsnetz Ostschweiz gehören unterdessen rund 1000 Personen, die mit der Asylpolitik nicht einverstanden sind. Ihrer Überzeugung nach sollen auch Menschen in Nothilfe ein menschenwürdiges Leben gestalten können. Mittagstische wie in Wattwil, Begleitung zu den Fachstellen, Beratung und auch Besuche im Ausschaffungsgefängnis gehören zur Aufgabe. «Ich kann nicht verstehen, warum diesen Menschen beispielsweise eine Arbeit verwehrt wird, nicht mal im Freiwilligenbereich dürfen sie tätig sein», sagt Bernhard Schmid. Und zu den Männern in Wattwil gewandt: «Wir treffen uns in St. Gallen.»

Kathrin Burri





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