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Tagblatt Online, 06. September 2010 01:05:01

Wattwiler Flohmarkt als Treffpunkt

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Hutmacherin Verena Hartmann (mit gelbem Hut) ist jedes Jahr am Wattwiler Dorfflohmarkt anzutreffen. (Bild: Bilder: Tanja Trauboth)

Wattwil. «In Wattwil ist Flohmarkt. Gehst du auch hin?», fragen Töchter ihre Mütter, Schulfreundinnen ihre Kolleginnen am ersten Samstag im September. Sie machen einen Treffpunkt ab, schlendern die Ringstrasse hinunter, an den Ständen vorbei, spähen in Kinderwagen. Männer stehen herum und unterhalten sich angeregt mitten auf der Strasse. Die Standbesitzer aber warten, bis die anderen zu ihnen kommen.

Trödel gibt zu reden

Gesprächsstoff geben die Flohmarkt-Sachen, zum Beispiel altes Geschirr, eine Lava-Lampe in der seltenen Farbe Grün, sagt Thomas Weber. Seit neun Jahren begleitet er seine Frau an den Wattwiler Flohmarkt. Sie ist eigentlich die Trödlerin in der Familie. «Das geben wir der Mama für den Flohmarkt», sagen Webers erwachsene Söhne, wenn sie beim Zügeln ein lieb gewordenes, aber überflüssiges Teil nicht in die neue Wohnung mitnehmen wollen. Als Katharina Weber vor neun Jahren mit ihrem Hobby begann, half ihr Mann nur beim Auf- und Abbau.

Damals war er noch in Wattwil Sozialarbeiter und wollte lieber nicht so viele Leute treffen, die er unter der Woche in der Beratung sah. Heute arbeitet er in einer Praxis im Appenzellerland und sagt über seinen Tagesablauf am Wattwiler Flohmarkt: «Ich rede mit möglichst vielen Leuten.» Er begrüsst dann oft junge Erwachsene, die als kleine Kinder zu ihm in die Familientherapie kamen. Es freut ihn, von ihren gelungenen Biographien zu hören. «Es wurde etwas aus ihnen», sagt er.

Sammellust und Wegwerffrust

Blickfang am Stand ist die «Coki»-Sammlung aus der Jugendzeit eines Sohnes, Flohmarkt-Flair pur. Gläser mit Coca-Cola-Schriftzug. Ein Spielzeug-Getränke-Lastwagen, der noch in der Verpackung ist, gehört auch dazu, Emailtafeln aus der alten und neuen Zeit mit Werbesprüchen, wie «Quality you trust». Einmal sei ein Jugendlicher auf den Stand zu gelaufen und habe die Augen aufgerissen, sagt Weber. Noch ein «Coki»-Sammler, der voller Freude die ihm fehlenden Stücke kaufte.

Gesprächsstoff gibt auch, was daheim blieb. «Ich habe so viele Sachen, die mir zu schade sind um sie wegzuwerfen», sagt Ilse Pauly aus Lichtensteig. Die Chössi-Theater Mit-Gründerin liess den eigenen Stand einen Vorsatz bleiben und plauderte mit Verena Hartmann aus dem Neckertal. Sie sprachen über die zweite Berufsausbildung der erwachsenen Kinder. Die gelernte Hutmacherin Hartmann arbeitet schon lange als Heilpädagogin und macht keine Hüte mehr.

Nur einmal im Jahr am Wattwiler Flohmarkt verkauft sie Restbestände, in diesem Jahr auch die alten Formen, die sie früher einmal von ihrer Lehrmeisterin übernommen hat.

Stoff vom Flohmarkt

Während zwanzig Jahren verkaufte Verena Hartmann auf dem Zürcher Rosenhof selbst gemachte Hüte. Einige sind aus alten Stoffresten gemacht, die ihr gebracht wurden. Eine Kundin beugt sich vor den Spiegel.

Sie probiert eine Kappe an, genäht aus einem alten Nicki-Pullover, wie er in den frühen Achtzigerjahren Mode war. Verena Hartmann setzt sich selbst einen gelben Hut aus kariertem Seidenstoff auf, eine Erinnerung an die verstorbene Handweberin Verena Reber. Sie zieht ihn wieder ab, dreht das Innere nach aussen und zeigt auf das rot-weisse Band, das die Kopfbedeckung in Form hält, auch ein Stoff vom Flohmarkt. Es war einmal ein altes, rot-weiss kariertes Bettlaken. Tanja Trauboth





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