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St.Galler Tagblatt

St.Galler Tagblatt Online, 05. April 2012 09:46:00

«Selbsterkenntnis als Hilfe»

Christian Heim

Herr Heim, warum werden die ehemaligen Drogenabhängigen in der Fazenda ohne Fachpsychologen betreut?

Christian Heim: Wir verstehen uns als Selbsthilfegruppe, bei der die Ehemaligen eine wichtige Rolle spielen. Sie bringen oft ein tieferes Verständnis mit und werden von den ehemaligen Drogensüchtigen sehr gut akzeptiert. Wir haben zwar keine Profis in der Fazenda, aber jede Fazenda hat einen Vertrauensarzt. Wenn jemand krank wird, geht er zum Arzt oder wenn jemand mit psychiatrischen Problemen kommt, begleiten wir ihn regelmässig zu seinen Terminen.

Die Rekuperanten bleiben zwölf Monate auf einer Fazenda. Fachleute kritisieren, dass sie während dieser Zeit nur in der Fazenda bleiben und kein Integrationstraining für das Leben in der Gesellschaft machen.

Christian Heim: Es stimmt, dass wir in diesem Jahr selbst keine Praktikas vermitteln und mit den Rekuperanten kein Bewerbungstraining machen. Wir setzen in diesem Jahr auf eine tiefe Selbsterkenntnis des Menschen. Wenn dies klappt, sind die Rekuperanten danach innerlich gefestigt und fähig, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu bewältigen.

Ist nach einem Jahr das Verlassen der Fazenda aus diesem Grund nicht ein zu harter Schnitt?

Christian Heim: Diese Frage hören wir immer wieder. Wir lassen unsere Rekuperanten aber nicht einfach fallen. Nach dem Aufenthalt in der Fazenda gehen die Rekuperanten zwei bis drei Wochen nach Hause. Sie haben dann aber die Möglichkeit, nochmals auf die Fazenda zurückzukehren, in Ruhe nach den nächsten Schritten für ihr eigenes Leben zu suchen und von dort aus in der Wirtschaft Praktikas zu absolvieren oder unter Anleitung Bewerbungen zu verfassen. In unseren Fazendas in Deutschland helfen uns dabei viele Freiwillige. Zudem bekommen die erfolgreichen Rekuperanten ein Diplom, das sie berechtigt, zu jeder Zeit auf einer Fazenda Tisch und Bett zu erbitten.

Wie wählen Sie Gesuchsteller aus?

Christian Heim: Wer aufgenommen werden will, braucht nur einen kurzen Brief zu schreiben. Als erstes erhält er einen Standardbrief, der über die Regeln in der Fazenda informiert. Vielen sind diese Regeln – keine Zigaretten, kein Alkohol, kaum Fernsehen oder Internet – zu streng. Darum antworten daraufhin viele gar nicht mehr. Wer interessiert bleibt, mit dem telefonieren wir und laden ihn zum Besuch in die Fazenda ein. Sein Eintritt bleibt aber jederzeit freiwillig. Auch wenn wir den Rosenkranz beten und Messen feiern, man muss kein Katholik sein, um aufgenommen zu werden. In der Fazenda im Allgäu zum Beispiel leben auch zwei Moslems und ein Hindu.

Warum gibt es keine geschlechtergemischte Fazendas?

Christian Heim: Viele unserer Rekuperanten sagen, sie könnten sich so besser auf sich konzentrieren. Hinzu kommt, dass sehr viele drogensüchtige Frauen über lange Zeit Missbrauchserfahrungen gemacht haben. Für sie bietet die reine Frauengemeinschaft einen gewissen psychischen Schutz.

Sie bekommen keine öffentlichen Gelder. Wie finanzieren Sie die Fazenda in Wattwil?

Christian Heim: So wie die anderen 81 Fazendas auch, nämlich aus Spenden und mit Beiträgen von Stiftungen. Bei der Verpflegung streben wir eine gewisse Selbstversorgung an, die mit dem grossen Garten möglich ist. In den deutschen Fazendas betreiben wir Metzgereien, Bäckereien oder auch einen Versandhandel. Zudem haben wir einen Gästebereich, der für Einnahmen sorgt. In Wattwil sind wir damit aber erst am Anfang. Für die ersten Jahre sind die Ausgaben für Verpflegung und für den Unterhalt der Klosteranlage jedenfalls bereits gedeckt.

Sie selbst werden nach der Aufbauphase nach Deutschland zurückkehren. Wer wird danach die Fazenda in Wattwil leiten?

Christian Heim: Da sind wir noch auf der Suche. Ziel ist, jemanden zu finden, der mit den Rekuperanten zusammen lebt. Für die technische und administrative Leitung haben wir mit unserem Geschäftsführer Jan Colruyt schon eine gute Person.

Interview: Hansruedi Kugler

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