Tagblatt Online, 08. Dezember 2009 08:05:00
Religion, eine therapierbare Neurose
Bitterböse Episoden in der Vorweihnachtszeit: Nicole Knuth und Olga Tucek spielten am Samstag im Chössi-Theater. (Bild: Bild: Michael Hug)
LICHTENSTEIG. «Knuth und Tucek» inszenierten am Samstag im Chössi ein integrativ-multikulturelles Weihnachtsspiel mit satirischer Doppelbödigkeit. «Jesses Maria» hiess das Programm, eine kabarettistische Generalprobe des Weimarer Weihnachtsspiels von 1347.
Michael Hug
König Melchior ist schwarz, Konvertit und heisst im wahren Leben Ramadan. Er wäre gerne Josef aber das geht wegen seiner Hautfarbe nicht. Caroline, alias Maria, ist echt schwanger und von ihrem echten Mann Jakup zur Hauptrolle überredet worden. Ja und Josef ist homosexuell und Jude. Ein multikulturelles Chaos also. Die Fäden in der Hand hat der österreichische Regisseur Ludwig Rösslgruber, ein Neurotiker mit ständig kalten Füssen.
Ein Chaos auch während der Proben, all diese Ausländer, all diese Inkompetenten (O-Ton Rösslgruber), da helfen nur Wunder und solche geschehen saisongerecht am Ende auch («Die Hoffnung stirbt zuletzt!»).
Das Weimarer Weihnachtsspiel aus dem Jahr 1347, das Rösslgruber im Zürcher Hallenstadion aufführen will, gerät während der Proben permanent aus den Fugen, kommt aber schliesslich trotzdem zur vielbejubelten Premiere – dank der gütigen Mithilfe des Hauptsponsors Christos aus Armenien.
Aus dem Leben geschrieben
Eine Geschichte, die das wahre vorweihnachtliche Leben nicht besser schreiben könnte. Nicole Knuth und Olga Tucek erzählen und singen in geraffter Form von verschiedenen Bühnen: Vom gespielten Leben im Epizentrum der Theaterkunst und von der Lebensbühne, wo persönliche Schicksale und Tragödien aufgeführt werden.
Die Aushängeordnung der Gesellschaft kommt in bitterbösen Episoden zum Ausdruck und schliesslich die Politik, ein Opfer das unfreiwillig genug Angriffsflächen für spitze Satire bietet. Man stelle sich vor: Ständeräte sind Klingonen, der Bundesrat wird von Kindern paralysiert und es werden weiterhin munter Minarette gebaut.
Heimatfilmtheater
Und man stelle sich vor, dass Religion eine Neurose sei und die Therapie dafür Selbstverantwortung heisst. Die Wahrheit liegt auf der Strasse, lässt sich aus dem Alltag schälen, aus den Medien sammeln und komprimieren. Dicht ist Knuth und Tuceks Heimatfilmtheater gewoben, jedes Wort überlegt und am richtigen Ort. Zum Lachen blieb oft nicht viel Zeit, das Erschrecken nach dem Erkennen der bitterbösen Wahrheit folgte oft auf den Fuss.
Denn zum Schluss, trotz aller Wunder und des überwältigenden Bühnenerfolgs, bleiben Rösslgruber und die Regieassistentin Effigenie Hattenkerl doch alleine (im zweiten Fall wohl auch aufgrund des Nachnamens), unfähig, aus dem Innern zu handeln und im Aussen geschehen zu lassen.
Multikulti-Abstammung
So multikulturell wie ihr Weimarer Weihnachtsspiel sind auch die beiden Zürcher Kabarettistinnen. Nicole Knuth ist Enkelin des 1987 verstorbenen deutschen Schauspielers Gustav Knuth.
Im Spannungsfeld zwischen den Familienberufszweigen Bühnenkunst und Vereinte Nationen hat sie sich für das Kasperltum entschieden. Die Bürde dynastischer Prädisposition, sagt sie, trage sie mit Wiener Charme und der Nonchalence der Zürcher Goldküste. Olga Tucek ist gemäss Selbstdeklaration Schweizerin, umzingelt von tschechischer Verwandtschaft und dem Lifestyle der Donaumonarchie.
Sie hat das Erbe der Mutter angetreten und ist Sängerin geworden, verschrieb sich aber anstelle böhmischer und russischer Opernpartien der Volksmusik Österreich-Ungarns und dem Theater.
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