Tagblatt Online, 07. Januar 2011 01:04:00
Freiwillige am Tixi-Steuer
Balz Gartmann, aktiver Fahrer bei Tixi Toggenburg seit 2007, hilft einem Fahrgast nach dem Coiffeur-Besuch in das Auto. (Bild: Bild: Matthias Giger)
Die Fahrerinnen und Fahrer von Tixi Toggenburg, das am 8. Dezember 2010 sein 20-Jahr-Jubiläum feiern konnte, leisten einen wertvollen Dienst an betagten oder handicapierten Menschen. Dabei ist ihr Lohn nicht Geld, sondern die Freude und Dankbarkeit ihrer Fahrgäste.
Grau, kühl und so ungemütlich wie es in Tiefgaragen eben ist. Das sind die Sinneseindrücke, die jede Tiefgarage versprüht auch jene gegenüber der Wattwiler Coop-Filiale. Die Fahrerinnen und Fahrer von Tixi Toggenburg starten von hier aus ihre Touren mit einem der sechs Fahrzeuge, die dort geparkt werden. Die Tixi-Fahrer arbeiten freiwillig, doch nicht vergebens. Der Tiefgaragen-Groove verfliegt, sobald sie auf den ersten Fahrgast treffen. «Guten Morgen», tönt dann beispielsweise eine Kinderstimme. Ein «Danke» oder ein Blick, an dem der Fahrer oder die Fahrerin die Freude und Dankbarkeit ablesen kann, das ist die Währung, in der Tixi-Fahrer ihren Lohn erhalten.
Nummer 13 ausgelassen
Jedes der Fahrzeug hat eine Nummer, wobei die Nummern der ausgemusterten Tixi-Autos nicht wieder verwendet werden. Das Auto mit der höchsten Nummer, im Moment 16, ist also immer das neueste Fahrzeug. «Nummer 13 haben wir ausgelassen. Einige unserer Fahrer und Fahrgäste sind etwas abergläubisch», sagt Balz Gartmann, der heute nebst anderen Fahrern Dienst hat. Zuerst geht es nach Ricken, wo eine Schülerin der Heilpädagogischen Schule Toggenburg wartet. Auf dem Rückweg hält das Tixi-Auto an der Rickenstrasse, wo weitere Schüler zusteigen und auf einer der beiden Bankreihen Platz nehmen. Balz Gartmann hilft den Kindern sich anzugurten. «Das schaff ich schon», meint ein Mädchen selbstbewusst und lacht vor Freude nach dem Erfolg verheissenden Klick des Gurtes. Als alle sicher angeschnallt im Auto sitzen, begibt sich Balz Gartmann wieder hinter das Steuer und nimmt die Fahrt auf. Es geht zur Sprachheilschule, wo die entsprechenden Schülerinnen und Schüler aussteigen. Wie immer steigt der Fahrer aus, öffnet die Tür und hilft. Das ist Bestandteil der Dienstleistung von Tixi. Und zwar nicht nur, wenn es offensichtlich vonnöten ist. «Wir tragen auch die Einkaufstaschen von betagten Menschen oder schauen, dass sie sicher über den Tritt aussteigen können», betont der pensionierte Informatiker Balz Gartmann. Nachdem er ein Mädchen im Rollstuhl etwas ausserhalb abgeholt hat, geht wieder es zurück ins Zentrum von Wattwil, diesmal zur Heilpädagogischen Schule, wo der Unterricht gleich beginnt. Als die Kinder aus dem Auto ausgestiegen sind und er das Mädchen im Rollstuhl sachte über die Rampe aus dem Tixi-Auto geholt hat, wirft er einen prüfenden Blick ins Wageninnere. «Manchmal vergessen die Kinder ihre Mützen», erklärt Balz Gartmann seinen Kontrollblick.
Kaffeepausen und Wartezeiten
Nun hat Balz Gartmann eine Stunde Pause - genügend Zeit für einen Kaffee. Nicht bei jedem Dienst liegt eine Kaffeepause drin. «Manchmal geht es Schlag auf Schlag», sagt er. Immer dabei ist das Handy. «Es kann sein, dass wir spontan noch einen Fahrgast von A nach B fahren müssen», begründet er. Das Handy klingelt an diesem Morgen aber nicht.
Mehr als pünktlich hält Balz Gartmann in einer Strasse in Wattwil, die er bislang nicht kannte. Noch immer kommt es vor, dass ihm Adressen im Toggenburg nicht bekannt sind. Trotz den vier Fahrdiensten, die er Monat für Monat mindestens leistet. «Wenn mir eine Adresse nichts sagt, schaue auf einer Karte der betreffenden Gemeinde oder im Internet nach und merke mir Wegpunkte», sagt er. Sein Credo lautet: «Lieber zu früh als zu spät.» Nicht nur die Adresse, auch der Fahrgast ist ihm noch unbekannt. Mit seiner offenen Art ist er mit seinem Fahrgast unverzüglich in einem Gespräch, in dem sie heraus finden, dass sie beide dasselbe Leiden, allerdings mit unterschiedlicher Ausprägung haben. Der freundliche und gut aufgelegte Mann ist 89jährig. Er hat einen Termin beim Hautarzt und erfreut sich für sein Alter guter Gesundheit. Eine Frau im Rollstuhl nimmt die Tixi-Dienste heute für die Fahrt zur Coiffeuse in Anspruch. Da diese am Rande des Gebietes von Tixi Toggenburg liegt und der Coiffeurbesuch keine halbe Stunde dauert, wartet Balz Gartmann.
Die beiden kennen sich schon länger und sind zu Scherzen aufgelegt. Während des Coiffeur-Besuchs der Frau geniesst der pensionierte Informatiker die frische Luft und die Sonne draussen vor dem Tixi-Auto. Mir nichts, dir nichts ist er mitten im Gespräch mit einem Anwohner. Es geht um die Ruhe, dann um Gemeindevereinigungen und schliesslich um Gemeindepräsidenten, bis die Wartezeit vorüber ist. Balz Gartmann bringt die Dame zurück vor die Haustüre, wo er sie abgeholt hat und empfängt ein herzliches Dankeschön.
Matthias Giger
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