Tagblatt Online, 30. August 2010 01:05:20
Bücher lesen ist etwas Wertvolles
(Bild: Sabine Schmid)
MOGELSBERG. So verschieden wie die Menschen sind, so verschieden sind auch die Vorlieben der Benutzerinnen und Benutzer einer Dorfbibliothek. Hansruedi Kugler hat jungen und älteren Leserinnen und Lesern aus Mogelsberg auf den Zahn gefühlt und Erstaunliches zu Tage gefördert.
Sabine Schmid
Ein Fernsehgerät besitzt Familie Wagner nicht. Stattdessen sind sie «Leseratten». Es komme vor, dass der ganze Tisch mit Büchern übersät sei, verrät Vater Roberto Wagner. Jeden Samstag geht die Familie in die Mogelsberger Dorfbibliothek und deckt sich mit neuem Lesestoff ein. Merlin, der älteste Sohn, hat im letzten Herbst die Werke von Karl May entdeckt.
«Winnetou 1 habe ich in drei Tagen verzehrt», erzählt er am Freitagabend vor einer grossen Schar interessierter Zuhörerinnen und Zuhörer. Was denn daran so faszinierend sei, will Moderator Hansruedi Kugler wissen. «Ich kann mich in die Personen hineinleben», antwortet Merlin Wagner. Sein jüngerer Bruder Juri verbringt seine Lesemomente mit den Fünf Freunden, während Ronja ihren Lesehunger mit Comics von Asterix und Obelix und von Yakari stillt.
Bücher gemeinsam erleben
Bei Wagners ist aber auch regelmässig Zeit für eine Geschichte. Mutter Helen liest aus einem Kinderbuch vor. «Sie hat die Gabe und übersetzt es gerade in unseren Dialekt», ergänzt Roberto Wagner. «Wir können so gemeinsam eine Geschichte erleben», nennt Helen Wagner den Grund für diese Lesestunde. «Das ist schön, ich freue mich immer darauf», fügt ihr Mann Roberto hinzu.
Einer, der lese «wie verrückt», ist der zweite Gesprächsgast von Hansruedi Kugler. Peter Weber hat als Gemeindeschreiber von Mogelsberg gearbeitet und stellt derzeit eine Ausstellung über die 200jährige Geschichte der Kirche zusammen. Angefangen hat Peter Webers Leidenschaft mit Zeitungslesen. Dabei hat er im Atlas seines Vaters alle Orte gesucht, wo etwas Interessantes passiert sei. Es folgten Karl May und die technischen Bücher seines Vaters.
An ein Buch über die französische und die russische Revolution erinnert sich Peter Weber gut, es hat sein Interesse an historischen Büchern geweckt. «Eine grausliche Geschichte», sagt er und fügt an, dass er viel aus den Büchern gelernt hat. Für ihn gehören Bücher und Filme zusammen. «Ich lese oft ein Buch, nachdem ich einen Film gesehen habe», erklärt er. Dann könne er überprüfen, ob dieser stimme.
Lieber Bücher als Facebook
Kino im Kopf fühlt die Oberstufenschülerin Sarina Sutter, wenn sie in die Welt der Bücher abtaucht. «Ich kann mir ein eigenes Bild von den Personen machen», sagt sie. Ihr Lieblingsbuch, das sie zum Gespräch mitgebracht hat, ist eine Fantasy-Geschichte, deren Helden etwa gleich alt sind wie Sarina Sutter.
Wenn ein Buch spannend sei und sie Zeit habe, lese sie auch ein dickes Buch innerhalb von zwei bis drei Tagen, verrät sie. Mit einer Freundin spricht sie über die gelesenen Bücher.
Die meisten Kolleginnen würden in ihrer Freizeit lieber fernsehen oder im Facebook chatten, sagt Sarina Sutter. Auch sie nutzt das Internet. Doch um ihren Bildungshunger zu stillen, greift siein Bibliotheken zu Büchern. Dem Web vertraut die junge Mogelsbergerin nur zum Teil. «Im Internet stimmt nicht immer alles», ist sie überzeugt.
Bücher sind ein Luxus
Für Gertrud Sturm und Christine Pondini, die letzten Gesprächspartnerinnen von Hansruedi Kugler, haben die Bücher einen unterschiedlichen Stellenwert.
«Bücher sind ein Luxus gewesen», erinnert sich Gertrud Sturm an ihre Kindheit. Gelesen hat sie das, was ihre Mutter aus der Bibliothek gebracht hat. Bücher haben ihr erlaubt zu träumen. «Wenn ich gelesen habe, hatte ich meine Ruhe», lacht Gertrud Sturm heute. Heute ist Lesen für sie vor allem Entspannung. Bücher kauft sie keine mehr. Dafür besucht sie umso lieber die Bibliothek, die für sie etwas sehr Wertvolles ist.
Für Christine Pondini hat ein Buch dann Qualität, wenn es in einer schönen Sprache geschrieben ist. Diese finde man vor allem bei orientalischen Erzählern, weiss sie. Bis vor fünf Jahren hat Christine Pondini dem Mogelsberger Bibliotheksteam angehört. «Ich habe den Anspruch gehabt, alle neuen Bücher zu lesen», sagt sie rückblickend. «Bücher zu kaufen, sei eine schöne Tätigkeit gewesen. Aber das Lesen sei in Stress ausgeartet. Jetzt geniesst sie das Lesen umso mehr. Christine Pondini hat erfahren, dass nicht jedes Buch zu jeder Situation passt.
Sie habe «Die satanischen Verse» von Salman Rushdie am Strand lesen wollen. «Nein, das ist nicht gegangen», erzählte sie lachend. Nun wartet sie auf eine Gewitternacht, um einen zweiten Leseversuch zu starten.
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