Tagblatt Online, 15. September 2008 01:05:52
Arthur in den Wartesälen
Am Samstag war die Vernissage von Arthur 3: Eine Kunsterlebnisfahrt in fünf Etappen
«Die grosse Wartende»: Das Bedrängende eines Wartesaals zeigt Manuel Strässle in Lichtensteig.
LICHTENSTEIG/NESSLAU. Sechs aus dem Toggenburg exilierte Kunstschaffende kehren für drei Wochen in ihre Heimat zurück. Wenigstens mit ihren Kunstwerken. Am Samstag war Vernissage der dritten «Arthur».
Michael Hug
Der Zugsbegleiter gibt sich fast perfekt viersprachig: «Proschän arrä: Krümmeno. Prossima fermata: Crumenau. Next Stop: Crumenniu.» Selbstverständlich spricht die Stimme aus den Lautsprechern auch Deutsch: «Wir weisen Sie darauf hin, dass die Wartesäle in Nesslau, Krummenau, Ebnat-Kappel und Wattwil sowie Lichtensteig nicht uneingeschränkt zugänglich sind.» Wer am Samstag ein Billett für den Sonderzug von Lichtensteig nach Nesslau und zurück gelöst hatte, musste wissen, was er tat. Ansonsten hätte er leicht den Glauben an die Unverzerrtheit dieser Welt verloren. Schon am Bahnhof Lichtensteig, mitten im strömenden Regen, erhoben sich neben Gleis 3 zwei bis dahin für leblos geglaubte Gestalten. Zwei SOB-Rangierarbeiter?
Der letzte Zug ins Nirgends?
Die beiden in leuchtendem Orange gekleideten Schienenarbeiter bewegten sich roboterhaft, angeführt durch ein Saxophon, das auf dem Perron von einem unechten Bahnhofsvorsteher gespielt wurde. Es war, wie wenn Leben in eine kalte Umgebung des unbedienten Bahnhofs gehaucht wurde. Vor weniger als einer Minute verliess ein Zug den Bahnhof. War's der letzte Zug ins Nirgends? Nur wenige Passagiere sind eingestiegen. Im Wartesaal war kein Mensch. Wie auch: Der Raum war durch einen riesigen orangen Ballon ausgefüllt. «Die grosse Wartende» nennt sie ihr Schöpfer Manuel Strässle, ein exilierter Toggenburger, jetzt in Basel Kunst schaffend.
Dreistündige Vernissage
Mit der Tanzperformance der Gruppe «Carambole» war die drei Stunden dauernde Vernissage zur dritten Arthur-Ausstellung des Vereins Kunsthallen Toggenburg eröffnet. Zum mobilen Vernissagenbesuch in fünf Bahnhofswartesälen war auch SOB-Direktor Guido Schoch erschienen, sowie die Leiterin des kantonalen Amts für Kultur, Katrin Meier: «Die Kunsthallen Toggenburg tragen die Kunst in den öffentlichen Raum, an öffentliche Plätze. Sie wird Teil des Alltags. Und gerade das hat auch Toggenburger Tradition – dass Kunst und Alltag ineinander fliessen.» Um 15.07 Uhr verliess der Sonderzug Lichtensteig ohne Halt bis Nesslau, die Vernissage-Mitreisenden erlebten den wohl einmaligen Vorgang, dass ein Zug in Wattwil nicht anhielt.
Kunst im Warteraum
Kunst von Erika Looser und Philipp Koller, dem verstorbenen Roland Guggenbühler, von Kilian Rüthemann und Christian Eberhard gab es dann auf dem Rückweg zu betrachten. Videokunst, Objektkunst, Kunst zum begreifen wie zum Beispiel das Salz auf den Wartebänken in Krummenau, eine Installation des einstigen Bütschwilers Kilian Rüthemann. Das sitzende Warten im Wartesaal völlig verunmöglicht wird dem Zugspassagier – oder dem Ausstellungsbesuchenden – in Ebnat-Kappel. Dort waren die Wartebänke mit Steinskulpturen des 2007 verstorbenen Roland Guggenbühler belegt.
Fehlender Bezug
«Auszug-Einzug» heisst der Untertitel der Arthur 3. Ausgezogene Toggenburger ziehen mit ihrer Kunst in die Wartehallen ein. Dabei blieb es auch. Nur wenige Objekte, zum Beispiel die Trickfilmsequenzen von Christian Eberhard in Nesslau, nehmen auch Bezug auf den Kontext, nämlich das Reisen, das Weggehen und Wiederkommen. Auch Katrin Meier nimmt Bezug, wenn auch eher zufällig: «Der Nomade Arthur geht seinen eigenen Weg. Ich hoffe, dass er noch lange umher zieht.» Ein Hoffnungsschimmer bleibt: «Der Bahnhof ist ein Knotenpunkt der Gedanken», sagt die unbekannte Stimme im Bahnhofslautsprecher.
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Kommentar lesen
vibes (15. September 2008, 18:32)
Sehr geehrter Herr Hug
Danke für ihren schönen Bericht zu Arthur 3. Ich möchte sie gerne darauf hinweisen, dass das von ihnen beschriebene Saxophon eine Bassklarinette war.
Beitrag kommentierenDa ich selbst dieses Instrument spiele ist mir dies beim Lesen des Berichtes aufgefallen.
Viele Grüsse
Roland Vetsch
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