Tagblatt Online, 09. September 2010 01:02:48
«Was ist schon ein Dollar wert?»
Nach der Wattwiler Premiere vom Dienstagabend verteilen die Filmemacher «Panamericana»-Poster: (v. l.) Thomas Rickenmann und Severin Frei, ganz rechts Jonas Frei. (Bild: Bild: Hansruedi Kugler)
WATTWIL. Am Dienstag war im Kino Passerelle Premiere von «Panamericana». Die drei Wattwiler Severin und Jonas Frei sowie Thomas Rickenmann sind derzeit mit ihrem Film auf Promotions-Tour. «Panamericana» läuft nun schweizweit in 30 Kinos – eine bildstarke Reise-Collage.
Hansruedi Kugler
«Das bisherige Echo auf unseren Film ist überwältigend», strahlt Jonas Frei. Schliesslich seien sie keine Profi-Filmer und nach dem Schneiden der neunzig Stunden Filmmaterial auf 98 Kinominuten sei ihre Anspannung vor der Premiere hoch gewesen. In Herisau, Wil und Uznach, wo «Panamericana» die Vorpremiere schon hinter sich hat, sei das Publikum aber begeistert gewesen.
Einzig das Kulturmagazin Saiten kritisiert bisher den Film: Bei aller lobenswerten Spontanität und Bilderflut bleibe «Panamericana» an der Oberfläche hängen. Damit hat die Filmkritikerin teilweise recht, die Stärke des Films ist gleichzeitig dessen Schwäche.
Viele oder zu viele Zutaten?
Die Filmemacher wissen das und antworten achselzuckend: Sie gingen ohne Drehbuch auf die drei Monate dauernde Reise und wollten die ganze Panamericana im Film haben. Für mehr Tiefgang hätten sie sich auf einzelne Regionen beschränken müssen.
So ist «Panamericana» ein Film mit sehr vielen Zutaten geworden – jeder Kinogänger wird etwas anderes aus dem Film-Menü heraus schmecken. Ein Film über das Leben auf und an der Panamericana, keine zwei Tage am selben Ort verbringen und doch mit vielen Leuten ins Gespräch kommen – das war das Ziel der drei Wattwiler Filmemacher.
So bleibt einem der majestätische Chimborazo, die geschlachteten Meerschweinchen und der Polizist in Erinnerung, der davon erzählt, wie er fast erschossen worden ist und dann selbst abgedrückt hat.
Immer wieder die Dollar-Frage
Am Ende ist daraus ein Film mit Landschaftsbildern und zerbeulten Autos, Interviews mit Zufallsbekanntschaften und Strassenszenen geworden.
Dank Severin Freis offener Art und seinem ausgezeichneten Spanisch geben viele Befragte offen und unverkrampft Auskunft, was sehr sympathisch wirkt. Der eine rote Faden ist das Leben auf und an der Strasse, der andere ist die Geldfrage. Severin Frei hat sie allen Gesprächspartnern gestellt: «Was ist ein Dollar wert?» Was die Taxifahrer, Strassenhändler, Prostituierten und Busfahrer darauf sagen, gibt ein einheitliches Bild Lateinamerikas von Mexiko bis Argentinien: Man schlägt
sich mehr schlecht als recht durchs Leben, geschuftet wird lange, ohne dass viel herausschaut – working poor würde man bei uns sagen. Die Filmemacher haben keinen journalistisch recherchierten Dokumentarfilm gedreht, sie sind im Film selbst auch nicht zu sehen. Manch einer wird einen erzählenden Kommentar vermissen. Hintergrundinfos oder politischer Kontext bleiben weitgehend auf der Strecke.
Dieses diskrete Filmen hat aber umgekehrt den Vorteil, dass die befragten Personen in den Vordergrund treten und die Kinogänger selbst das Gesehene bewerten können.
Bubentraum – Sicherheitsrisiko
Der Film beginnt mit einem dichten Thriller-Einstieg: Gewitterwolken, ein Blitz kracht spektakulär auf einen Bergrücken, die Kamera zeigt eine regennasse nächtliche Strasse, Polizeisirenen heulen, eine Palme brennt lichterloh, ein Feuerwehrauto heult durch Laredo – die US-Stadt an der mexikanischen Grenze ist Ausgangsort der Reise.
«Die Panamericana ist eine sichere Strasse», gibt ihnen ein Parade-Mexikaner mit auf den Weg – sie werden keine Terroristen antreffen, prophezeit dieser. Die Spannung ist geweckt. «Viel zu gefährlich» hätten ihm viele Schweizer von dieser Reise abgeraten, erzählt Severin Frei. Er aber hat sich einen Bubentraum erfüllt: Vor 15 Jahren war er als 14-Jähriger ein Jahr lang in Ecuador zur Schule gegangen.
Seither ist er acht weitere Male in Lateinamerika gewesen, die Panamericana lange als Traum im Hinterkopf. Nun erzählt er einem ungläubigen Publikum, dass sie während den drei Monaten kein einziges Mal ausgeraubt worden seien.
Schützende getönte Scheiben
Ihr schwarzer Kastenwagen hat die drei Wattwiler Filmemacher also 13 000 Kilometer sicher durch Lateinamerika gerollt – am Dienstagabend stand er vor dem Wattwiler Kino Passerelle: Seitlich beklebt mit den Wappen der durchquerten Länder und mit getönten Scheiben.
Beim unauffälligen Filmen aus dem Auto heraus sei das nützlich gewesen, erklärt Thomas Rickenmann. Und wenn man die Bilder aus den Rotlichtvierteln sieht, ahnt man, dass er wohl recht hat.
Sympathische Reise-Collage
Lässt sich die Begeisterung der Filmemacher und Reisenden auf die Zuschauer übertragen? Am Ende geht man mit gemischten Gefühlen aus dem Kino: Ein sympathischer Film, der in einem reichhaltigen Bilderbuch Impressionen, Szenen, Interviews präsentiert.
Sympathisch, dass die Filmemacher dies auf diskrete Art tun. Die herzliche Spontanität des Films ist gleichzeitig aber auch seine Schwäche: Die Reise-Collage reisst viele Themen an, vertieft aber keines – Kriminalität, Drogen, Armut, Bürgerkrieg, Religion? Man kann dies vermissen, kann aber auch sagen: Die Collage ist als Collage gelungen, sie ist eine sinnliche und musikalische Einladung, selbst wieder mal eine lange Reise zu machen.
Gewitter-Blitz auf der Kreuzegg
Vollgas geben die drei Wattwiler Filmemacher derzeit bei der Promotion ihres Filmes. Sie eilen von Premiere zu Premiere. An der Wattwiler Premiere gab es zudem exklusiv das zehn Minuten dauernde Making of zu sehen, und von Thomas Rickenmann das Geständnis, fünf Sekunden des Films seien im Toggenburg gedreht – den grandiosen Blitz zu Beginn des Films habe er nämlich nicht in Laredo, sondern auf der Kreuzegg aufgenommen.
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