Tagblatt Online, 29. Mai 2012 01:05:00
Passerelle läuft ab Sommer digital
«Zelluloid hat ausgedient», sagen Passerelle-Präsident Florian Schällibaum (links) und Passerelle-Geschäftsführer Peter Bötschi. Zwei der drei analogen Filmprojektoren werden deshalb noch vor den Sommerferien abgebaut und durch digitale ersetzt. Einen analogen Filmprojektor behält das Kino Passerelle, um die wenigen Zelluloid-Filme weiterhin zeigen zu können. (Bild: Hansruedi Kugler)
WATTWIL. Die Genossenschaft Kino Passerelle blickt dank Besucherzuwachs wieder optimistisch in die Zukunft. Im Sommer werden die 35mm-Projektoren durch digitale Projektoren ersetzt. Und auf 2013 ist die Erneuerung der Bestuhlung im Saal 1 geplant.
HANSRUEDI KUGLER
Im Kino Passerelle ist der Optimismus zurückgekehrt. 2011 verzeichnete das Wattwiler Kino zehn Prozent mehr Besucher als im Jahr zuvor, 18 305 gegenüber 16 653 im 2010. Dank des mit 55 543 Franken leicht höheren Gewinns vor Abgaben konnte eine höhere Abschreibung auf das Kinogebäude vorgenommen werden. Und das laufende Jahr 2012 wird voraussichtlich noch erfolgreicher. Dies wegen Filmen wie «Die Wiesenberger» und «Die Kinder vom Napf», der ab Dezember 2011 insgesamt 18 Wochen lief, vor allem aber wegen des Kassenschlagers «Intouchable», den bereits über 2400 Kinogänger im Kino Passerelle gesehen haben. Diese erfreuliche Entwicklung hat die Genossenschaft in der Entscheidung bestärkt, vor den Sommerferien die Umrüstung von analoger Filmprojektion auf die digitale zu vollziehen. So recht trauen wollte man zuvor der Kinozukunft nämlich nicht. Das Kino Passerelle gehört denn auch zu den letzten der 291 Kinos in der Schweiz, die umstellen.
«Sonst bliebe das Kino dunkel»
«Die Filmspule mit 35 Millimeter Zelluloid ist definitiv Vergangenheit», sagt Geschäftsführer Peter Bötschi. Künftig werden die Filme ab Laptop gestartet und via Beamer auf die Leinwand projiziert. Hauptgrund für die Umstellung sei, dass die Verleiher keine Filme auf 35 Millimeter mehr anbieten. Ohne Umstellung würden darum die Kinosäle in Wattwil ab Herbst dunkel bleiben. Die Entwicklung hin zur digitalen Projektion verlief in den letzten zwei Jahren denn auch rasant. Viele Kinderfilme waren schon länger für die Kinos nur noch als DVD erhältlich, genauso wie «Die Wiesenberger». «Die Kinder vom Napf» kamen auf Blueray ins Kino. Waren 2009 schweizweit erst 55 Kinosäle digitalisiert, so waren es Ende 2011 bereits 316. Die zusätzliche Aufrüstung mit 3D findet man unterdessen in 210 Kinosälen. Auf diese Aufrüstung verzichtet das Kino Passerelle vorderhand. Für beide Säle würde dies zusätzlich rund 50 000 Franken kosten. «Zudem glauben wir, dass der 3D-Hype bereits am Abflachen ist», meint Passerelle-Präsident Florian Schällibaum.
Keine Laufstreifen mehr
Verändert sich durch die Digitalisierung das Kinoerlebnis? Die Filmproduzenten preisen die Digitalisierung der Filmprojektion an: Lichtstärker, farbintensiver, schärferes Bild. Peter Bötschi bringt den Vergleich mit dem Wechsel von Langspielplatte zu Compact Disc. Dieser sei auch längst akzeptiert. Für die allermeisten Kinogänger sei viel entscheidender: «Ein Film muss eine gute Geschichte erzählen und gut gefilmt sein. Ein schlechter Regisseur, ein untalentierter Kameramann oder ein geiziger Produzent werden auch mit Digitalisierung keine guten Filme machen.» Ein Unterschied ist sichtbar: Bei der 35mm-Rolle spielt die Abnützung eine gewisse Rolle. Filmkratzer und Laufstreifen werden keine mehr zu sehen sein.
Statt eine Filmrolle bekommen die Kinos in Zukunft vom Verleih eine kleine externe Harddisc zugeschickt, ein Digital Cinema Package (DCP), und laden die Daten auf die Festplatte ihres Laptops. Per Mail erhält der Kinobetreiber einen Code, der es ihm ermöglicht, den Film während eines definierten Zeitraums zu spielen. Will er den Film länger laufen lassen, genügt ein Telefonat und er kann den gespeicherten Film wieder abspielen, was ein Vorteil sei, findet Peter Bötschi. Der Konkurrenzkampf um Filmkopien fällt weitgehend weg.
Bund zahlt Löwenanteil
Ohne die finanzielle Hilfe von Bund und Kanton St. Gallen wäre die Digitalisierung der Projektoren für das Kino Passerelle allerdings kaum zu finanzieren gewesen. Immerhin muss die Genossenschaft dafür einen Betriebskredit über 50 000 Franken aufnehmen. Den Rest der gesamthaft 180 000 Franken teuren Digitalisierung übernimmt der Bund in vorerst fünf jährlichen Raten (insgesamt 96 000 Franken) und der Kanton St. Gallen (34 000 Franken).
Die Unterstützung durch den Bund ist von der Programmation abhängig. Dank seiner ausgeprägten Ausrichtung auf den Studiofilm bekommt das Kino Passerelle eine relativ hohe Subvention. Von den derzeit drei 35mm-Projektoren behält das Kino Passerelle einen – für alle Fälle.
Neue Bestuhlung kommt 2013
Dass sich das Kino Passerelle behaupten kann, ist laut Florian Schällibaum vor allem mit dem hohen Engagement von Peter Bötschi zu erklären, der Filmpremieren nach Wattwil holt, Events organisiert und einen Filmmix vom Kinderfilm über den anspruchsvollen Mainstream bis zum Studiofilm im Passerelle zeigt, der beim Publikum ankommt.
Nach der Digitalisierung steht bereits die nächste Investition an: Im kommenden Jahr soll die Bestuhlung im Saal 1 ersetzt werden. «Flexibel, komfortabel und den Bedürfnissen des heutigen Publikums entsprechend», meint Florian Schällibaum. Der Vorstand brütet allerdings noch über das konkrete Konzept. Eines ist schon jetzt klar: «Die Sicht auf die Leinwand wird für alle besser.»
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