Tagblatt Online, 03. September 2010 01:02:58
Das versteckte Gesicht der Armut
Soziologe Franz Schultheis: «Armut ist ein Problem der Gesellschaft.» (Bild: Bild: tra)
MOSNANG. Im Mosnanger Pfarreiheim diskutierten Betroffene, Interessierte, Vertreter von Gemeinden und Kirchen auf Initiative der Caritas über Armut. Soziologe Franz Schultheis von der Universität St. Gallen hielt einen Vortrag zum Thema.
Tanja Trauboth
In der Küche von armen Leuten, irgendwo im Toggenburg: Es ist Ende Monat und die Mutter überlegt, welche Rechnungen sie bezahlen kann und wo sie anrufen muss, dass es nicht geht. Ihre Tochter im Teenageralter sagt zum dritten Mal: «Hilf mir bei meiner Bewerbung.» Der Sohn fordert neue Turnschuhe. An der Haustüre klingelt es. «Hoffentlich nicht der Postbote», flüstert die Mutter. Es ist eine Frau aus der Nachbarschaft. Sie macht sich am Tisch breit und setzt zur Moralpredigt an. «Schmutzige Kleider haben deine Kinder an.
Sie sind total verwahrlost.» Die Beschuldigte stammelt leise, dass Kinder beim Spielen halt mal dreckig werden. Schon kommt der nächste Vorwurf. Der jüngere Sohn wurde mit Designerklamotten gesehen. Auch wenn sie ihm der Onkel geschenkt hat, schickt es sich nicht, wenn das arme Kind mit teuren Kleidern in die Schule geht. «Da musst du jetzt wirklich besser schauen». Die Mutter stöhnt. Wie soll sie es Recht machen? Plötzlich schreien alle. Die Jüngste hat ein Strichmännchen auf die Wand geschmiert.
Mit welchem Geld die verschmutzte Tapete ersetzen? Mehrhändig reissen die Familienmitglieder Zeichnung und Tapete herunter. Alle schreien gleichzeitig: «Auch wir brauchen einmal einen Tapetenwechsel!»
Aus dem Leben gegriffen
Der Sketch, den die Flawiler Selbsthilfegruppe für Armutsbetroffene «Stutz ufwärts» in Mosnang aufführte, ist aus dem Leben der Darsteller gegriffen.
Armut sei allerdings ein Problem der Gesellschaft, erklärt der Soziologe Franz Schultheis von der Universität St. Gallen in einem Vortrag. Wollen wir sie hinnehmen oder etwas dagegen tun? Noch im Mittelalter waren die Armen geachtet. Sie hatten sogar eine eigene Zunft. Armut wurde als Prüfung Gottes angesehen, die jeden treffen kann. Später erst steckte man sie in Armen- und Zuchthäuser. Von allen verachtet mussten die Ärmsten auswandern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen mit dem Wirtschaftsaufschwung die Sozialwerke und das Versprechen von Wohlstand für alle.
Armut grenzt aus
«Heute versteckt sich das Gesicht der Armut hinter Gardinen», sagt Schultheis. Arme schleichen leise und unscheinbar zwischen Lebensmittelausgabe, Sozialbehörde und Fernsehcouch hin und her. Für Kino, Theater oder den Sportverein haben sie kein Geld. Oft sind sie krank. Man sieht sie nicht und will sie nicht sehen.
Immer zu wenig Geld haben, lasse sich noch aushalten. Es sei die Ausgrenzung, die ihr zu schaffen mache, berichtete eine Betroffene von «Stutz ufwärts». Schätzungen lassen vermuten, dass in der Schweiz jede zehnte Person unter der Armutsgrenze lebt. Besonders häufig betroffen sind Frauen, Kinder und junge Menschen. Bernhard Graf, Gemeindepräsident von Mosnang, kann es sich nicht vorstellen, dass diese statistische Aussage für seine Gemeinde zutrifft (siehe Kasten).
Aber wer fragt denn bei «Stutz ufwärts» um Hilfe an? Es seien Alleinerziehende, chronisch Kranke, Leute mit Suchtproblemen, aber auch Bauern, sagt ein Vertreter der Selbsthilfeorganisation.
Schnell rutscht man wieder ab
Schultheis, der in Deutschland und in den Banlieues von Paris geforscht hat, erklärt die Armut mit einem Bild konzentrischer Kreise. «Die schwarze Mitte, das ist die Hölle», erklärt er. Es ist eine Hölle mit vielen Eingangstüren, in der verschiedene Sorten von Verdammte schmachten.
Ist man einmal drin, kommt man kaum heraus. Höchstens bis in den nächst liegenden, im Diagramm grau gezeichneten Kreis. Von dort rutscht man schnell wieder ab. Arme haben keine Ressourcen. Wer von der Hand in den Mund lebt, kommt nicht dazu zu sparen, sich weiter zu bilden. Ein Betroffener schildert seinen Lebensweg: «Ich wuchs schon in armen Verhältnissen auf.
Immer wieder habe ich mich aufgerappelt und bin dann doch wieder hineingerutscht in die schwarze Mitte.» Inzwischen hilft er anderen, kümmert sich um obdachlos Gewordene.
«Meist bekomme ich einen Telefonanruf», sagt Thomas Heiniger, Diakon bei der Heilsarmee Wattwil. Da klagt dann jemand, er habe kein Geld, keine Bleibe. Die Heilsarmee gibt Essensgutscheine, Geld für das Nötigste und eine Unterkunft. Das sei aber nur fürs Erste, erklärt Heiniger. Langfristig braucht es Arbeit.
Radikale Forderungen
Verschiedene Projekte im Toggenburg wurden bereits lanciert und an der Veranstaltung in Mosnang vorgestellt, zum Beispiel der Mäntigsmarkt in Brunnadern, über den unsere Zeitung bereits berichtete. Die Betroffenen von «Stutz ufwärts» fordern: Diejenigen, die ganz viel verdienen, sollen abgeben, damit der untersten Schicht geholfen werden kann. «Jeder sollte eine Arbeit bekommen, bei der er mindestens 4000 Franken im Monat verdient», sagt ein Mann. Die Punkte in der Erklärung der Caritas muten kaum weniger radikal an.
Zum Beispiel sollen Bund und Kantone garantieren, dass alle einen Berufsabschluss machen können. Denn Bildung schützt davor, arm zu werden.
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