Toggenburg: Kügeli für kranke Kühe

TIERHOMÖOPATHIE ⋅ Bea Ammann heilt ihre Tiere mit homöopathischen Kügelchen und muss so seltener Antibiotika einsetzen. Die Bäuerin ist auch diplomierte Tierhomöopathin, ein Beruf, der in der Schweiz erst langsam Fuss fasst.
11. November 2017, 05:19
Mirjam Bächtold

Wenn Bea Ammann die Weide betritt, kommen ihr die Mutterkühe und die neugierigen Kälbchen sofort entgegen. Sie stupsen sie mit den Köpfen an und lassen sich kraulen. So zutraulich sind Mutterkühe nicht oft. Ein Zeichen, dass sie Bea Ammann kennen und ihr vertrauen. Die Bäuerin vom Schaufelberg bei Krinau hat vor Kurzem die Ausbildung zur Tierhomöopathin abgeschlossen. Die Ausbildung am Haus der Homöopathie in Zug ist noch relativ neu. Das Berufsbild haben der Homöopathie Verband Schweiz HVS und Berufsverband der Tierheilpraktiker/innen Schweiz (BTS) im letzten Jahr erstellt.
 

Keine Absetzfrist mit Homöopathie

In der ganzen Schweiz gibt es knapp 50 registrierte Tierhomöopathinnen und -homöopathen, im Kanton St. Gallen sind es zwei. Bea Ammanns Wissen ist im Toggenburg und in der Ostschweiz also sehr gefragt. Auf die Homöopathie ist die Bio-Bäuerin schon vor einigen Jahren gekommen. «In der herkömmlichen Tiermedizin wird oft Antibiotika verabreicht. Diese Medikamente haben eine Absetzfrist», sagt sie.

Das bedeutet, dass die Milch oder das Fleisch während der Absetzfrist, also mehrere Tage nach Absetzen des Medikaments, nicht gebraucht werden dürfen. Bei einem Biobetrieb verdoppelt sich die gesetzliche Absetzfrist sogar. «Solche Milch müsste man wegschütten und sogar im Sondermüll entsorgen. Das wäre teuer», sagt Bea Ammann, die mit ihrem Mann vor vier Jahren von Milchwirtschaft zu Mutterkuhhaltung mit Bio Weide-Beef gewechselt hat. Anfangs habe sie «nur» Grundkurse in Tierhomöopathie besucht. Damit habe sie schon einige Erfolge erzielt. «Ein Kalb eines anderen Betriebs hatte eine Lungenentzündung, die mit Antibiotika nicht geheilt werden konnte. Das Kalb hatte zwei Rückfälle. Der Bauer fragte mich um Rat. Mit dem homöopathischen Mittel hatte ich Erfolg», sagt sie. Doch irgendwann stiess sie mit ihrem Wissen an Grenzen. «Ich war frustriert, weil ich gerne helfen wollte, aber nicht konnte.» Deshalb beschloss sie, eine fundierte Ausbildung als Tierhomöopathin zu absolvieren.

Sie besuchte den ersten Bildungsgang am Haus der Homöopathie in Zug. Rund 1800 Stunden dauerte die Ausbildung, die in die drei Module «Verhaltenslehre», «Tiermedizin» und «Tierhomöopathie» gegliedert ist. Darin eingerechnet sind mehrere Praktika sowie der Aufwand für die Diplomarbeit. Die Ausbildung ist vom Berufsverband der Tierheilpraktiker/innen Schweiz (BTS) und für Tierhomöopathen zusätzlich vom Homöopathie Verband Schweiz HVS anerkannt. Seit diesem Frühling arbeitet Bea Ammann zusätzlich noch für Kometian, einen Pikett-Dienst mit homöopathischer Beratung am Telefon, den Bauern in Anspruch nehmen können. Dazu müssen sie bei Kometian angeschlossen sein und zahlen dafür einen Mitgliederbeitrag. Momentan nehmen 425 Bauern den telefonischen Beratungsdienst in Anspruch.

Für dieses Jahr wird mit insgesamt 1500 Anfragen gerechnet. Um bei Kometian beraten zu können, muss Bea Ammann bei einem der beiden Berufsverbände Mitglied sein und eine gewisse Anzahl Stunden Weiterbildung aufweisen. Kritische Stimmen sagen, die Homöopathie wirke, wenn überhaupt, nur mit dem Placebo-Effekt. Dass also der Behandelte sich nur deshalb besser fühle, weil er an eine Wirkung glaube. «Die Tiere beweisen, dass das nicht stimmt. Den Kühen verabreiche ich die Kügelchen über die Scheide, sie nehmen das gar nicht bewusst war. Und die Wirkung tritt dennoch ein», sagt Bea Ammann.
 

Eine Ergänzung zur Schulmedizin

Sie ist davon begeistert, wie viel die Homöopathie mit so geringen Dosen erreichen kann. Der Einsatz von Tierhomöopathie verbessert die Tiergesundheit aber nicht nur durch die Mittel: «Ein Bauer muss seine Tiere viel mehr beobachten, um ein richtiges Mittel zu wählen. Durch diese Sensibilisierung achtet er ganz allgemein besser auf das Wohlergehen der Tiere.» Trotzdem ist Bea Ammann nicht der Meinung, dass Homöopathie die Schulmedizin ersetzen kann. «Die beiden Behandlungsansätze können sich ergänzen.»


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