«Ich will vor Ort die Veränderung sehen»

REPUBLIK SÜDSUDAN ⋅ Die Umweltingenieurin Rahel Künzle ist für die humanitäre Schweizer Hilfsorganisation Medair im Südsudan stationiert. Dort sorgt sie dafür, dass 40'000 Menschen Zugang zu sauberem Wasser haben.
07. Oktober 2017, 08:56
Angela Hess

Eine weite Reise hat Rahel Künzle zurückgelegt, um für die Hochzeit ihres Bruders in ihre Heimat, das Toggenburg, zu kommen. Es ist das erste Mal seit rund acht Monaten, dass sie ihre Familie und Freunde wiedersieht, denn sie wohnt und arbeitet zurzeit in der unabhängigen afrikanischen Republik Südsudan. «Ich arbeite für die Hilfsorganisation Medair im Nordosten des Landes», beginnt Künzle zu erzählen. «Der Landeskreis, wo mein Arbeitsplatz ist, heisst Maban und liegt an der Grenze zum Sudan.» Der Südsudan ist ein relativ junges Land – es erhielt die Unabhängigkeit vom Sudan erst 2011. Konflikte gab und gibt es in der Region jedoch schon seit Jahr­zehnten.

Aus diesem Grund ist im Südsudan Hilfe aus dem Ausland auch heute noch dringend nötig. «Ich betreue mit meinem Team ein Flüchtlingslager, das von ungefähr 40 000 Personen bewohnt wird. Die Hälfte davon sind Kinder. Das Flüchtlingslager wurde vor fünf Jahren errichtet, als sehr viele Leute aus dem Sudan über die Grenze kamen. Heute zählen wir fast keine Neuankömmlinge mehr – im letzten Jahr waren es soweit ich weiss nur etwa 100», erläutert Künzle. Medair leistet im Flüchtlingslager seit Beginn Nothilfe. Die Organisation hat eine Klinik samt Geburtsstation und ein Wasserversorgungssystem eingerichtet.
 

Sauberes Wasser und sanitäre Anlagen

Das Team von Medair, das aus internationalen Spezialisten und Südsudanesen besteht, hat Pumpen und Leitungen gebaut, um das vorhandene Grundwasser an die Bewohner zu verteilen. Die Umweltingenieurin erklärt: «Wir haben das Glück, dass es Grundwasser von guter Qualität gibt. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass es überhaupt Grundwasser gibt. An neun Pumpstationen wird das Wasser an die Oberfläche gepumpt und über Leitungen auf dem ganzen Gelände, das etwa vier mal zweieinhalb Kilometer gross ist, verteilt. Über die Jahre wurden so rund 20 Kilometer Wasserleitung verlegt. Als ich im Februar gekommen bin, bestand dieses System jedoch bereits grösstenteils. Ich kümmere mich nun vor allem um den Unterhalt. Es gibt ­immer viel zu tun.» Die täglich anfallenden Arbeiten bewältigt Künzle gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten – einem ­Kenianer, der ebenfalls Umweltingenieur ist – und einer Gruppe von 60 bis 70 Flüchtlingen, die das Team tatkräftig unterstützen. «Wenn ich am Morgen komme, haben sie schon alle Pump­stationen kontrolliert und können mir sagen, wo etwas nicht funktioniert. Wir arbeiten alle gemeinsam daran, dass die Leute mit Wasser versorgt werden. Die Arbeit macht sehr viel Spass. Nicht nur sie lernen, wie das System funktioniert und wie sie es instand halten müssen. Auch ich lerne täglich Neues von ihnen», sagt Künzle.

Zum Projekt Wash (Wasser, sani­täre Einrichtungen und Hygiene) gehört aber nicht nur der Bau von Leitungen und deren Unterhalt, sondern auch der Bau von Latrinen. «Wir gehen im Bereich Wash ganz klar auch in Richtung Entwicklungshilfe, anstatt nur Nothilfe zu leisten. Wir bauen die Latrinen beispielsweise nicht einfach auf, sondern zeigen den Leuten, wie sie die Anlagen selber bauen können. Wir stellen das Material zur Verfügung und unterstützen die Flüchtlinge, doch schlussendlich bauen sie die Latrinen selber», führt Künzle aus. Auf diese Weise wurden im Flüchtlingslager durch Neubau und Erneuerung insgesamt bereits 4000 Latrinen erstellt, wobei sich immer meh­rere Haushalte eine Latrine teilen.
 

Ein Forschungsgebiet, das Leben rettet

Rahel Künzles Motivation, weit weg von zu Hause für Medair zu arbeiten, kommt nicht von ungefähr. «Ich habe mich schon im Studium an der ETH mit Wasser und sanitären Anlagen auseinandergesetzt», erzählt die Umweltingenieurin. Für ihre Masterarbeit war sie zum Beispiel in ­Kenia, wo sie sich mit der Trinkwasserversorgung auseinandergesetzt hat. Nach ihrem Masterabschluss hat sie an der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz, kurz Eawag, an einem Projekt gearbeitet, das sich mit sanitären Anlagen in Slums (dicht besiedelte Stadtviertel mit mangelhafter Infrastruktur) auseinandersetzt. Künzle erklärt: «Diese Arbeit war durchaus spannend. Doch mir fehlte der Bezug zum Ort, an dem das Projekt und die Technik schlussendlich umgesetzt werden. Ich wollte vor Ort sein, anpacken und die Veränderung sehen. Das war meine Hauptmotivation dafür, ins Ausland zu gehen.»

Das entscheidende Schlüsselerlebnis in ihrem Leben, welches sie dazu bewegte, sich mit Wasser und sanitären Anlagen auseinanderzusetzen, erlebte Künzle jedoch bereits als Kind. «Ich war in einem Cevi-Lager, wo wir Besuch von einer Nonne hatten, die sich in Papua Neuguinea für sanitäre Anlagen ein­setzte. Wir hatten im Lager natürlich nur ein Plumpsklo und es war uns allen unangenehm, dass die Nonne nun dieses benutzen musste. Sie hat uns dann aber erklärt, dass viele Leute in anderen ­Ländern keinen Zugang zu richtigen WC haben und froh wären um das Plumpsklo, das wir im Lager hatten», erzählt Künzle. Diese Tatsache brachte sie zum Nachdenken: «Die Infrastruktur rund um sanitäre Anlagen und Trinkwasser fehlt in vielen Ländern grundsätzlich, was ein Problem darstellt.»

Eine geregelte Infrastruktur im Bereich Wasser und sanitäre Anlagen ist vor allem nötig, damit sich Krankheiten nicht unkontrolliert ausbreiten. «Wenn es im Flüchtlingslager keine Latrinen gäbe, würden 40 000 Personen ihr ­Geschäft gezwungenermassen in den Büschen erledigen. Krankheiten würden sich so in kurzer Zeit ausbreiten», sagt die Umweltingenieurin. Auch das Grundwasser wird deshalb streng kontrolliert, indem es chloriert wird. Durch das Chlor im Wasser werden allfällige Krankheitserreger abgetötet.

Medair sorgt mit Wash neben dem Bau und Erhalt der Infrastruktur von Wasserleitungen und sanitären Anlagen jedoch auch für die gezielte Hygieneschulung der Flüchtlinge. «Dinge, die in der Schweiz selbstverständlich sind, sind es im Südsudan nicht – Händewaschen ist ein gutes Beispiel. Es liegt nicht in der Gewohnheit der Leute im Südsudan, dass man sich die Hände wäscht, nachdem man auf dem WC war. Oder dass es ein Gesundheitsrisiko darstellen kann, wenn Geschirr auf dem Boden steht, wo auch die Tiere sind. Solche Unterschiede darf man grundsätzlich nicht verurteilen, weil jedes Land kulturell verschieden ist. Trotzdem ist es in einem Flüchtlings­lager mit 40 000 Bewohnern wichtig, dass die Leute gewisse Hygienegewohnheiten annehmen, damit Krankheits­fälle minimiert werden können», erklärt die junge Frau. Mit Hilfe von Frauengruppen werden die Hygienetipps an die Flüchtlinge weitergegeben. So unterrichtet das Team einige wenige Frauen, die ihr ­Wissen in der Gruppe anschliessend anderen Frauen vermitteln. Auch diese Frauen sind dann wiederum dazu angehalten, ihr Wissen an weitere Frauen weiterzugeben. Durch dieses Schneeballsystem können insgesamt rund 3000 Frauen erreicht werden, die ihr Wissen in der Familie anwenden.
 

Ungewisse Zukunft für alle

Die Familien wohnen im Flüchtlings­lager in landestypischen Lehmhütten. So sieht es dort nicht anders aus als in normalen Dörfern der Region: «Der einzige Unterschied zu den umliegenden Dörfern ist, dass das Flüchtlingslager viel grösser ist. Andere Dörfer zählen vielleicht zehn Hütten», erklärt Rahel Künzle. Da die Infrastruktur des Flüchtlings­lagers mittlerweile sehr ausgeprägt ist und nicht mehr viele neue Flüchtlinge in Maban ankommen, liegt die Frage nahe, was in Zukunft mit den 40 000 Personen passieren wird. «Einen Plan für die Zukunft zu machen ist schwierig. Die sudanesischen Flüchtlinge sprechen oft davon, dass sie in ihre Heimat zurück­kehren werden. Für sie ist klar, sie wollen wieder nach Hause. Diese Sehnsucht ist menschlich – man kann die Leute nicht für ihr Heimweh verurteilen. Gleich­zeitig weiss man, dass Flüchtlingslager teilweise sehr lange bestehen bleiben. Es gibt keinen Plan dafür, was die nächsten Jahre passiert», erläutert Künzle.

Doch nicht nur für die Flüchtlinge ist die Zukunft ungewiss. Auch die Umweltingenieurin und ihr Team wissen nicht, was auf sie zukommt. Nach einem Jahr wird die Zeit im Projekt für die junge Frau Ende Dezember zu Ende sein. ­«Medair zieht sich vom Projekt zurück, damit eine Organisation übernehmen kann, die mehr Ressourcen hat im Bereich Entwicklungshilfe», erklärt Künzle. Die 30 ausgebildeten Südsudanesen, die Teil des Teams sind, werden wohl von der neuen Organisation übernommen. Die acht internationalen Mitarbeiter ­wissen hingegen noch nicht, wie ihre ­Zukunft aussehen wird. Was für andere ein Problem wäre, sieht Künzle nicht als negativ an: «Klar wird es schade sein, sich von den Leuten verabschieden zu müssen. Wir Teammitglieder verbringen am Abend viel Zeit miteinander, wodurch Freundschaften entstehen. Trotzdem ist es halt so, dass wir Ende Jahr hier fertig sind. Wohin die Reise dann gehen wird, weiss ich noch nicht – ich lasse es auf mich zukommen.» Sie würde gerne ­weiterhin für Medair arbeiten, ob im Südsudan oder in einem anderen Land.


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