Ein Dorf in Aufruhr

BAZENHEID ⋅ Im Auftrag der Zivildiensteinsatzstelle kümmert sich Werner Blättler um die Bekämpfung von Neophyten. Mitglieder seines Teams waren es, die in der «Traube» im Weiler Bräägg nicht bedient wurden.
02. Oktober 2017, 17:53
Beat Lanzendorfer
Der 68-jährige Werner Blättler hat sich der Landschaftspflege verschrieben. Ein Auftraggeber ist die Zivildiensteinsatzstelle Kirchberg, Verantwortlicher Max Keller, welche Arbeitseinsätze für Zivildienstleistende und Asylbewerber von Jonschwil bis Wildhaus koordiniert. Dazu zählt von Mai bis September die Bekämpfung von Neophyten, also gebietsfremden Pflanzen, welche die einheimischen Sträucher und Pflanzenarten verdrängen. «Wir führen aber auch Waldarbeiten durch», erklärt Werner Blättler. 

Blättlers Gruppe an jenem Freitag im Juni setzte sich aus sechs Asylbewerbern – drei aus Gossau, drei aus Flawil –, Zivildienstleistenden der Region sowie den Leitern zusammen und war mit der Neophytenbekämpfung in Wattwil beschäftigt. Am Abend nach dem Arbeitseinsatz fassten sie den Beschluss, auf dem Heimweg der «Traube» in Bazenheid einen Besuch abzustatten. Dort angekommen, konnte es Blättler nicht unterlassen, die an der Strasse wuchernden Neophyten zu entfernen. 


An anderer Stelle Gastrecht genossen

Er betrat die Gartenwirtschaft deshalb rund eine Minute später als der Rest des Teams. Beim Betreten der Gartenwirtschaft bekam er lediglich noch die Aussage der Wirtin zu hören: «Es ist so, wie ich sage, wir bedienen hier keine Neger.» Blättler erkundigte sich bei der Gruppe, was vorgefallen sei. Sie hätten beim Platznehmen die Aussage «Jetzt haben wir ein Problem, wir bedienen keine Neger» zu hören bekommen. Nach den Gründen gefragt, erhielten sie die Antwort: «Die arbeiten sowieso nicht.» Und weiter: «Ich mache keine Witze, es ist mir ernst.» Auch nach der Versicherung, die Betroffenen kämen von einem Arbeitseinsatz zurück, hielt die Wirtin an ihrer Aussage fest. Daraufhin verliess Blättler mit seiner Gruppe geschlossen die Gartenwirtschaft. Gab es andere Gäste, welche den Vorfall mitbekommen haben? «Die ‹Traube› war gut besucht. Weil die Wirtin ihre Aussage aber nicht laut herausposaunte und diskret blieb, nahm niemand vom Vorfall Kenntnis.» Die Gruppe zog es danach vor, das Feierabendgetränk bei einer langjährigen Wirtin an der Bazenheider Bahnhofstrasse einzunehmen, wo sie problemlos bedient wurde und laut Blättler willkommen war.

Bleibt die Frage, warum der Vorfall erst drei Monate später publik wurde. «Wir haben uns damals bei der Polizei erkundet, welche uns erklärte, dass nur die Direktbetroffenen Anzeige erstatten können. Weil die Asylbewerber der deutschen Sprache nur bedingt mächtig sind, wollten wir ihnen mögliche Unannehmlichkeiten ersparen und liessen es bleiben», erklärt Blättler. Nachdem der Fall nun publik geworden ist, hat sich die Polizei mittlerweile des Offizialdelikts angenommen. Für Blättler ist klar, es gibt keine Menschen zweiter Klasse. Eines möchte er trotzdem noch sagen: «Mit ‹Neger› waren zwei Afghanen, zwei Syrer und zwei Eritreer gemeint, die eine dunklere Hautfarbe aufweisen, aber noch nicht mal Schwarze sind, gegen welche die «Traube»-Wirtin ganz offensichtlich eine Abneigung hat.»

Wichtiger als die Herkunft oder die Hautfarbe ist für ihn aber sowieso: «Die Männer, die mir zugeteilt werden, sind alle zwischen 20 und 30 Jahre alt. Ich erlebe sie als junge Menschen, die ihre Arbeit motiviert verrichten und froh sind, wenn sie etwas leisten können. Dies zeigt sich an ihrer Einstellung. Mir kommt spontan kein Fall in den Sinn, bei dem jemand zu spät zur Arbeit erschienen ist. Vorurteile gibt es überall. Es ist an der Zeit, dass diese endlich abgebaut werden.»

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