Deutsch lernen wie die Kinder

QUARTIERSCHULE ⋅ Die Gemeinden Neckertal, Hemberg und Oberhelfenschwil sind bereit, den niederschwelligen Sprach- und Integrationskurs gemäss Projekt Quartierschule anzubieten.
26. August 2017, 05:19
Cecilia Hess-Lombriser

Flüchtlinge und Migranten aus verschiedenen Nationen finden sich in einem Lernraum zusammen. Sie stehen im Kreis, tragen Namensschilder mit Namen, die sie aus einer Auswahl an Schweizer Namen gewählt haben, sie sprechen Sätze nach, die sie nicht verstehen und machen dazu unterstützende Bewegungen. Einem Bild entnehmen sie, worum es geht. Sie tun als ob, so, wie Kinder sich in Tiger und Prinzessinnen verwandeln. Sie lachen, tanzen, spielen, sitzen in Gruppen am Boden und decken Karten auf, flüstern einander reihum etwas ins Ohr. Sie strahlen, fühlen sich untereinander verbunden und – sie lernen dabei Deutsch. Nebst der Sprache lernen sie auch, auf Menschen zuzugehen, erfahren etwas über das Land, in dem sie nun leben und lernen kulturelle Eigenheiten kennen. Das ist die Quartierschule, die bis Ende Jahr von insgesamt 36 St. Galler Gemeinden bereits angeboten wurde oder noch angeboten wird. Am Donnerstagabend fand in Brunnadern ein Informationsabend für mögliche zukünftige Kursleitende statt.
 

Start der Quartierschule noch offen

Der Gemeinderat Neckertal hatte zum Informationsabend eingeladen. Gemeindepräsidentin Vreni Wild und Gemeinderat Peter Bünzli empfingen Daniela Graf-Willi, Azmoos, Ansprechperson für die St. Galler Gemeinden und Kursleiterin für das Projekt Quartierschule, sowie Martin Beck, der als Sekundarlehrer das Projekt Liechtenstein Languages mitentwickelt hat, als Referenten. Das Konzept ist für das Projekt Quartierschule mit der Methode «Neues Lernen» in den Gemeinden des Kantons St. Gallen übernommen worden.

Eine «super Sache» sei das Angebot, sagte Vreni Wild. Die Integration von Flüchtlingen stehe an erster Stelle, und dies gehe nur über die Sprache. Wann im Neckertal der erste 60-Lektionen-Sprachkurs angeboten werde, hänge von den vorhandenen Kursleitenden ab und der Anzahl Kursteilnehmenden. Rund ein Dutzend Frauen und Männer waren ins Seniorenheim Neckertal in Brunnadern gekommen, um sich von den Referenten über das Konzept und die Rolle der Kursleitenden informieren zu lassen. Daniela Graf-Willi war zwölf Jahre Gemeinderätin gewesen und hatte erfahren, wie wichtig die Integration ist und dass mehr Integration nötig ist, um Perspektiven zu ermöglichen – vor allem in kleinen Gemeinden. Genau da setzt die Quartierschule an. Der spielerische erste Deutschunterricht findet vor Ort statt; dort, wo sich die Menschen danach wieder auf der Strasse begegnen. Daniela Graf-Willi hat sich selber als Trainerin für Kursleitende ausbilden lassen und engagiert sich mit viel Herzblut für das erfolgreiche Konzept. Die vielen positiven Rückmeldungen und die schnelle Verbreitung stimmen zuversichtlich.
 

Eine Aufgabe, die den Horizont erweitert

Kursleiterinnen und Kursleiter werden während intensiven zwei Wochen ausgebildet. Sie brauchen keine Pädagogen zu sein, sollten sich jedoch für andere Menschen und Kulturen interessieren, spielfreudig sein und gerne im Team arbeiten. Zu zweit oder zu dritt zu unterrichten sei optimal. Die Aufgaben könnten den Neigungen entsprechend verteilt werden. «Wir wollen Lernbarrieren abbauen», erklärte Martin Beck das «Neue Lernen». Dabei geht es darum, das Hirn wie bei Kindern funktionieren zu lassen, wenn es die Sprache erlernt: Durch Sehen, Hören und Bewegungen – ohne Grammatik. Durch Nachsprechen und Wiederholungen, mit Bildern und Geräuschen – spielerisch und mit viel Spass und Motivation. «Wir reden von Anfang an in ganzen Sätzen, auch wenn die Vokabeln unser Kerngeschäft sind», sagte Beck. Daniela Graf-Willi stellte die Unterlagen vor, die wochenweise Themen des Alltags ansprechen. Die angehenden Kursleitenden werden ab ihrem dritten Ausbildungstag in einen Kurs integriert und auch nachher während 14 Tagen bei ihrem ersten Kurs begleitet. Für die Ausbildung werden die Teilnehmenden von der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidenten und Gemeindepräsidentinnen und dem Trägerverein für Integrationsprojekte vom Kanton St. Gallen mit 1000 Franken entschädigt; ob sie auch für den späteren Unterricht in den Gemeinden entschädigt werden, entscheiden die Gemeinden individuell. Diese sind auch zuständig für die Organisation der Quartierschule und nehmen Anfragen für die Kursleiter-Ausbildung entgegen. «Die Arbeit öffnet den Horizont. Wir begegnen den Menschen aus anderen Kulturen auf Augenhöhe», warb Daniela Graf-Willi für die Aufgabe.

Weitere Informationen unter www.quartierschule.ch


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