Der kleine Bajass von Amsterdam

HISTORISCH ⋅ Ein Degersheimer Bauernbube erinnert sich an den Lichtensteiger Vieh- und Jahrmarkt um 1865. Dieser war ein bedeutender wirtschaftlicher Anlass im Toggenburg.
04. Oktober 2017, 05:20
Fabian Brändle

Der Viehmarkt im Städtchen Lichtensteig war ein bedeutsamer wirtschaftlicher Anlass. Die reichen, stolzen reformierten Obertoggenburger Viehbauern verkauften dort ihre Kälber und Rinder an Zürcher oder Stadtsanktgaller Viehändler. Im Gegenzug kauften sie Getreide, Mehl, Kleinwaren und Luxusgüter ein. So mancher Kauf und Verkauf wurde im Wirtshaus bei einem Schoppen Wein besiegelt («Weinkauf»). Lichtensteig (rund 700 Einwohner) bot also seinen Wirten guten Verdienst, auch, weil sie an der Passstrasse nach Herisau (Wasserfluh) gelegen war. Die Wirte waren innovativ und sorgten für Spektakel, die Neugierige aus der ganzen Region anlockten.
 

Ungewöhnliche Vorkehrungen getroffen

Auch der 1855 geborene Degersheimer Kleinbauernsohn, tierliebe Hüterbube und spätere St. Galler Gymnasiallehrer Professor Dr. Johann Georg Hagmann erinnerte sich an den stark frequentierten, zweitägigen Markt. «Er bot mir jeweilen eindrucksreiche Stunden. Schon sein Vorspiel beschäftigte mich aufs lebhafteste. Da wurden ungewöhnliche Vorkehrungen getroffen, Baumaterial herbeigeschafft und Warenstände errichtet; Gerüchte liefen umher von kommenden Überraschungen, welche von der Wirklichkeit überholt wurden.» Der Montag eröffnete schon frühmorgens das Markttreiben. Vieh wurde aufgetrieben. «Auf den Strassen zogen Krämer und Händler einher mit Tragkörben und Wagen; dort zeigte sich gar noch ein Bärenführer, mit Herrn Petz am Seil, einem possierlichen Äffchen auf der Schulter und einem wortkundigen Papagei im Käfig. Ich konnte jeweils meinen nachmittägigen Urlaub kaum erwarten, um auch meinerseits das Marktleben in vollen Zügen zu geniessen.» Hagmann hatte vielleicht siebzig, vielleicht achtzig Rappen zusammengespart. Er inspizierte die Auslagen eines jeden Standes, hinauf und hinab, hinab und hinauf, «und des Sehens war kein Ende». Bald gab er einige Rappen am Obststand für saftige Birnen aus (6 Rappen das Pfund). Einen besonderen Reiz übte der Messerstand auf ihn aus: «Denn zu einem Hüterbuben gehört doch ein Sackmesser. Aber wie machen, da die Preise meinen Barvorrat überstiegen?»
 

Jubelschreie dank grosszügigem Götti

Einmal hatte Hagmann Glück. Sein grosszügiger Götti tauchte unvermittelt auf und spendierte ihm die nötigen zwei Franken. «Der Jubel! Man denke sich: Ein Messer mit zwei Klingen, aus reinem englischen Stahl, für neunzig Rappen! Und da blieben mir noch Moneten, um zu Papa Heuscher zu gehen. Noch sehe ich ihn vor mir, den hagern Alten, barärmlich, den Strohhut schräg zur Sonne gestellt, die Pfeife im Mund und einen Tropfen an der Nase. Er dirigierte ein Karussell und bediente bei dessen Rundlauf die Orgel. Das Karussell nannten wir ‹Reitschule›. Und wirklich, wenn ich so einen hölzernen Schimmel oder Braunen bestiegen hatte, würde ich mich in der Reitkunst mit jedem Rittmeister gemessen haben.»
 

Wie man glaubte, in die Zukunft zu blicken

1865 imponierte ein kriegsinvalider norddeutscher Drehorgelspieler dem Knaben. Er gab vor, «im Kriege für Schleswig-Holstein lahmgeschossen worden zu sein». Zum Beleg dafür spielte er das Lied «Schleswig-Holstein mehrumschlungen». Für Kriegsinvalide waren Auftritte als Drehorgelspieler oft die einzige Alternative zum Betteln oder zur Kriminalität. Die staatlichen Renten waren minimal und reichten nicht aus zur Existenzsicherung. Auch weitere «Fremde» bereicherten die einheimische Kultur, so ein Zauberkünstler, «der auf einem Tischchen eine mit Wasser gefüllte Glasglocke vorzeigte, in der ein winziges, gläsernes Kerlchen auf- und abstieg, in drehender Bewegung tänzelte und den Leuten wahrzusagen verstand, indem er vor irgendeinem der aufgelegten Glückszettel Halt machte. Und die Leute legten willig ihre Zwanzigrappenstücke hin und liessen sich was vortäuschen. Grössern Eindruck jedoch machte mir das, was der Pfiffikus von dem Wicht in der Glocke zu erzählen wusste. In seltsamer Betonung pflegte er auszurufen: ‹Hier ist zu sehen der kleine Bajass von Amsterdam! Der ist sieben Jahre lang unter der Erde gewest und hat dort kleine Würmer zusammengefresst.› Jetzt aber, fuhr er weiter, sei ihm die Kunst zu eigen, jedem seine Zukunft vorauszusagen.»

Quelle: «Wachsen und Werden», Erinnerungen von Professor Dr. Hagmann. St. Gallen, 1925.


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