«Das ist eine Enteignung der Aktionäre»

TOURISMUS ⋅ Im Toggenburg flammt erneut Streit auf zwischen den Bergbahnen. Die Toggenburger Bergbahnen AG informierte per Inserat, sie kaufe Aktien der Bergbahnen Wildhaus auf – allerdings zu einem lächerlich geringen Preis. Grund: Rettung des gemeinsamen Skitickets.
04. Juni 2017, 09:23
Julia Nehmiz

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@ostsch

Am Freitagabend trudelte beim «Toggenburger Tagblatt» ein Inserat ein mit brisantem Inhalt. Die Toggenburger Bergbahnen AG offerieren den Aktionären der Bergbahnen Wildhaus AG, ihre Aktien aufzukaufen, zum Preis von 25 Franken pro Aktie. Man könne auch zehn Aktien der Wildhauser gegen eine der Toggenburger Bergbahnen eintauschen. Grund: Man wolle das mit Wildhaus formulierte Ziel der einheitlichen Strategie anstreben. Das Inserat trägt den Titel «Zur Rettung des gemeinsamen Skitickets im Obertoggenburg».

Die Verantwortlichen der Bergbahnen Wildhaus fielen aus allen Wolken, als sie vom Inserat erfuhren. «Wir verstehen das als Drohung», sagt Verwaltungsratspräsident Jakob Rhyner. Denn das gemeinsame Ticket sei bereits einmal beerdigt worden – schon damals aufgrund Querelen der Toggenburger Bergbahnen. «Die Aktion der Toggenburger Bergbahnen ist für uns unverständlich und schadet der Region», sagt CEO Urs Gantenbein. Man kämpfe seit über 20 Jahren für die Region, für ein gemeinsames Ticket, und nun das.

Keine Stellungnahme der Toggenburger Bergbahnen

Das Vorgehen der Toggenburger Bergbahnen erinnert an die Geschehnisse von 2008. «Aktienkrieg im Toggenburg», titelte das «St. Galler Tagblatt» damals. Denn: Die Sportanlagen Alt St. Johann-Sellamatt AG kämpften um die absolute Mehrheit bei der Bergbahnen Unterwasser-Iltios-Chäserrugg AG. Auch damals überraschte man mittels Inserat und offerierte einen Aktientausch. Allerdings im Wert eins zu eins, nicht wie heute zehn zu eins. Die Toggenburger Bergbahnen wenden neun Jahre später dasselbe Vorgehen noch einmal an.

Aber warum? Was bezwecken sie mit dem Inserat? Warum bieten sie nur 25 Franken pro Aktie? «Sie verstehen, dass ich dazu keine Stellung nehmen möchte», sagt Verwaltungsratspräsidentin Mélanie Eppenberger. Man habe ja im Inserat erklärt, was man erreichen wolle. Warum haben die Bergbahnen nicht vorab das Gespräch gesucht? «Dazu möchte ich keine Stellung nehmen.» Was passiert, wenn sie nicht 51 Prozent der Aktien kaufen können? «Wir haben ein paar Szenarien durchgespielt, nun liegt der Ball bei den Aktionären», sagt Eppenberger. Wie die Szenarien aussehen? «Es ist verfrüht, darüber zu kommunizieren.» Wie viele Aktien der Bergbahnen Wildhaus besitzen sie bereits? «Das gehört nicht an die Öffentlichkeit.» Hat der Verwaltungsrat dem Inserat einstimmig zugestimmt? Warum wurde es am Pfingstsamstag veröffentlicht? «Dazu möchte ich keine Stellung nehmen.»

Eppenberger bleibt eisern: Man werde zum gegebenen Zeitpunkt Fragen beantworten. Wann dieser Zeitpunkt sein werde, sagt sie nicht. In Wildhaus ist man guten Mutes, dass «die allermeisten Aktionäre nicht verkaufen werden». Rund 2000 Aktionäre besitzen 31680 Aktien. «Wir haben keine Mehrheitsaktionäre», sagt Rhyner. Die meisten seien Leute aus der Region, die Aktien aus Verbundenheit mit den Bergbahnen halten. Auf Facebook verkünden etliche ihren Unmut.

«Die Offerte der Toggenburger Bergbahnen kommt einer Enteignung unserer Aktionäre gleich», sagt Rhyner. In Wildhaus vermuten sie, dass sich die Toggenburger Bergbahnen durch die billige feindliche Übernahme der gut aufgestellten Bergbahnen Wildhaus sanieren wollen. «Mélanie Eppenberger will für den Preis eines Pistenfahrzeugs ein gesamtes Bergbahnunternehmen kaufen.» 51 Prozent der Aktien zu je 25 Franken entsprächen rund 400000 Franken. Dafür hätten dann die Toggenburger Bergbahnen das Sagen. Und Zugriff auf die derzeit über drei Millionen Franken flüssige Mittel der Bergbahnen Wildhaus. «Das ist doch wie in einem Wirtschaftskrimi.»

«Streit ist nie gut für eine Destination»

Pikant: Die Bergbahnen Wildhaus hatten 2008, nachdem sie erlebt hatten, wie die gut aufgestellte Bergbahnen Unterwasser-Iltios-Chäserrugg per feindlicher Übernahme an die kleinere Sportanlagen Sellamatt AG ging, ihre Statuten so geändert, um gegen allfällige feindliche Übernahmen gewappnet zu sein. Ein Aktienverkauf ist nur wirksam, wenn der Verwaltungsrat dem zustimmt und im Aktienbuch einträgt. Damit scheint das «mehr oder weniger rufschädigende» Kaufangebot der Toggenburger Bergbahnen hinfällig. «Ich gehe davon aus, dass der Verwaltungsrat den Verkäufen an die Toggenburger Bergbahnen nicht zustimmen wird», sagt Rhyner.

Max Nadig, Präsident von Toggenburg Tourismus, war völlig überrascht vom Inserat. «Die Verwaltungsratspräsidenten beider Bergbahnen sind bei mir im Vorstand, aber ich habe nichts gewusst», sagt er. Man habe auch schon darüber gesprochen, dass man sich als Ziel eine gemeinsame Bergbahn vorstellen könnte. «Wir wollen natürlich möglichst als Einheit gegenüber dem Gast auftreten.» Das könne man aber auch mit zwei Bergbahnen erreichen. «Früher gab es nur einen Prospekt, ein Ticket, eine Homepage, obwohl es drei Bergbahnen waren.» Von der Aktion der Toggenburger Bergbahnen sei er enttäuscht. «Streit ist nie gut für eine Destination.»

Kanton könnte Geldhahn zudrehen

Auch der St. Galler Regierungsrat Bruno Damann hat erst am Samstag vom Inserat der Toggenburger Bergbahnen erfahren. «Rechtlich haben wir keine Handhabe, um einzugreifen», sagt er. Doch die NRP-Gelder (Gelder vom Bund für neue Regionalpolitik), welche die Bergbahnen Wildhaus beantragt haben zum Bau ihrer neuen Sechsersesselbahn, die werde man dann vielleicht nicht zahlen. Aber man müsse erst abwarten, wie sich die Situation entwickle.

Die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann ist überrascht ob der Geschehnisse. Erst im Herbst hatte die Gemeinde mit grosser Mehrheit zugestimmt, im Falle der Investitionen, die die Bergbahnen Wildhaus tätigen wollen, Aktien zu zeichnen im Wert von 500000 Franken; für 200 Franken je Aktie. «Ich glaube nicht, dass der jetzige Weg zum Erfolg führt», sagt Gemeindepräsident Rolf Züllig. «Für uns als Gemeinde ist wichtig, dass der ganze Berg erfolgreich ist.»


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