«Bei Trump tönt’s besser, als es ist»

USA ⋅ Die Wahl von Donald Trump überraschte die Weltpolitik. Die Reaktion der Weltmärkte auf die Wahl überraschte die Analysten. «Mr. Wallstreet» Jens Korte ordnet die Situation ein.
30. September 2017, 05:19
Ruben Schönenberger

Seit Donald Trump die Vereinigten Staaten von Amerika präsidiert, vergeht kaum ein Tag, an dem seine Aussagen nicht für Wirbel sorgen. Viele sehen in Trump eine Gefahr für die ganze Welt. «Wir müssen damit leben, dass Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Ob es uns gefällt oder nicht», sagt Jens Korte anlässlich des Raiffeisen Finanzapéros im Wattwiler Thurpark. Der unter anderem wegen seiner Einschätzungen im Nachrichtenmagazin «10 vor 10» bekannte Wirtschaftsjournalist relativierte jedoch sogleich: «Zumindest wirtschaftspolitisch ist eigentlich noch gar nichts passiert.»

Viele im Wahlkampf geäusserte Versprechen habe Donald Trump noch nicht eingelöst. Zudem habe er Erfolge für sich verbucht, für die er eigentlich gar nichts konnte. «Bei Trump tönt es besser, als es ist», sagt Korte. So hätte ein Autohersteller sowieso eine Fabrik in den USA bauen wollen, nicht bloss wegen einer Intervention Trumps. Und auch die Fabrik des Apple-Zulieferers Foxconn werde zwar tatsächlich in Wisconsin gebaut, allerdings erhalte die Firma dafür auch grosse Zugeständnisse vom Staat, die schliesslich der Steuerzahler berappen müsse.
 

«Die Rhetorik bereitet mir Sorgen»

Wie sich Trump verkauft, steht denn auch oft im Zentrum von Kortes Ausführungen. «Die Rhetorik bereitet mir Sorgen, sie verschärft die ohnehin bestehende Spaltung des Landes. Dabei hätte Donald Trump in der Sache oft gar nicht Unrecht.» Korte macht das an Beispielen fest: «Die USA sind beim Handelsabkommen Nafta tatsächlich schlechter gestellt als andere Länder. Auch die Drogenprobleme, die Trump oft angesprochen hat, existieren tatsächlich.» Ob die Lösungen des Präsidenten aber tatsächlich funktionieren würden, stellt Korte in Frage. Zumal Trump an Zustimmung verliert. Nach acht Monaten im Amt steht er nur noch bei 35 Prozent. Ein Rekordtief. «Dabei hat er das Land in guter Verfassung übernommen», sagt Korte. Die Wirtschaft wachse, die Arbeitslosenquote sei für US-Verhältnisse sehr tief.
 

Gewählt dank schlechter Stimmung

Trotzdem sei die Stimmung im Land schlecht, stellt Korte fest. Das sei mit ein Grund, warum Trump überhaupt gewählt wurde. Für die schlechte Stimmung hat Korte eine einfache Erklärung: «Die Arbeitslosenquote ist zwar tief, aber Sicherheiten haben die Amerikaner dennoch wenige.» Einen Job zu finden, sei derzeit nicht schwierig. Eine Festanstellung zu finden, hingegen schon. Temporärstellen und Beschäftigungen im Stundenlohn führten dazu, dass unvorhergesehene Ausgaben für viele nicht mehr zu bewältigen sind. «Das drückt auf den Konsum», stellt Korte fest. Und der Konsum sei der wesentliche Treiber der US-Wirtschaft.

Trotz allem: Dass der 45. Präsident der USA seine Amtszeit beenden wird, steht für Korte ausser Frage, an ein Amtsenthebungsverfahren glaubt er nicht. Ob Trump dann noch einmal antrete und gewählt werde, wagt Korte nicht zu prognostizieren. «Selbst wenn das nicht der Fall sein sollte: Der Stachel, den er gesetzt hat, der bleibt.» Auch für die Börse ist Korte zurückhaltend mit einer Prognose. «Tendenziell sind an der Wall Street die positiven Zukunftsentwicklungen bereits eingepreist, allfällige negative nicht.» Eine bedeutende Verbesserung der Aktienkurse erwartet er daher nicht.


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