Stein am Rhein: Verbindender Fluss

15. Juli 2016, 02:35
Ruben Schönenberger

Morgens um halb zehn wirkt Stein am Rhein beim Parkplatz vor dem Eingang zur Altstadt wie ein ganz normales Dörfchen. Kaum Leute, kaum Verkehr. Spätestens wenn man das Untertor durchschreitet und zum ersten Mal einen Blick auf die von Erkern geprägten Fassaden erhascht, wird man sich bewusst, dass «normal» für Stein am Rhein nicht gelten kann. Den Eindruck verstärken die Touristen, die im Verlaufe des Vormittags mit Reisebussen, dem Schiff und über die Buslinie aus dem deutschen Singen ankommen. Sie alle erfreuen sich an der mehr als gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt, die auf der «falschen» Seite des Rheins liegt, der deutschen Seite.

Am, im und auf dem Rhein

Der Fluss als eigentlich prädestinierte natürliche Grenze hat im oberen Schaffhauser Kantonsteil aber seit jeher eine verbindende, keine trennende Funktion. Früher war er die Ost-West-Verbindung für den Warentransport, heute ist er zentraler Bezugspunkt der Einheimischen. «Die liebste Beschäftigung der Steiner, vor allem im Sommer, ist am, im und auf dem Rhein zu sein», sagt die Stadtpräsidentin Claudia Eimer. Selbst der Name des Städtchens steht in direkter Beziehung zum Fluss, nicht nur wegen des Zusatzes «am Rhein». Zwei mögliche Entstehungsgeschichten gibt es zur Ortsbezeichnung. Die eine bezieht sich auf Verwirbelungen bei einigen Steinen am Ortseingang. Die andere geht zurück auf einen Stein bei der Werdinsel. «Der Stein war früher viel grösser. Man nimmt sogar an, dass dort eine Steingruppe stand, etwa vergleichbar mit Stonehenge. Diese soll als eine Art Sonnenkalender gedient haben», erklärt Eimer.

Die Erhaltung der Altstadt, für die das Städtchen 1972 den ersten Wakkerpreis überhaupt für beispielhaften Ortsbildschutz erhielt, ist für Stein am Rhein aber auch eine grosse Herausforderung. «Das Stadtbild verpflichtet. Mit den Steuern unserer rund 3400 Einwohner alleine lässt sich die Erhaltung nicht vollständig finanzieren», beschreibt Eimer das Problem. Das Städtchen ist aber in der glücklichen Lage, dass es von der finanzstarken Jakob-und-Emma-Windler-Stiftung unterstützt werden kann. Die Windler-Geschwister waren nach dem Konkurs ihres Vaters in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, bis sie nach dem Tod ihrer Cousine Marie Gnehm ein ansehnliches Vermögen erbten und später damit die Stiftung gründeten. Dieses hatte ihr Vater Robert Gnehm als Direktionsmitglied und Präsident der Vorläuferin der CIBA sowie als Verwaltungsrat von Sandoz (heute Novartis) erwirtschaftet. Zum Vermögen gehörten auch Aktien der chemischen Industrie.

Zweistelliger Millionenbetrag

Der Entscheid, die Novartis-Aktien zu behalten, sollte sich als richtig herausstellen. Heute kann die Stiftung jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag ausschütten. Nur aus Zinsen und Dividenden. Im Stiftungsrat sitzen zwei Vertreter der Novartis sowie Eimer als Stadtpräsidentin von Amtes wegen. Sie sagt: «Im Stiftungszweck ist neben der Förderung von Kulturellem und Sozialem im ganzen Kanton Schaffhausen explizit die Erhaltung des Stadtbildes von Stein am Rhein erwähnt. Man kann daher schon sagen, dass auch wegen der Stiftung alles so schön ist hier.» Neben der bemerkenswerten Altstadt hat die Stiftung auch die Renovation der Burg Hohenklingen mitfinanziert, die über Stein am Rhein thront.

Dass eine potente Stiftung auch eine Herausforderung sein kann, beschreibt Eimer am Beispiel einer neuen Dreifachturnhalle. Während die Stiftung den Bau mitfinanzierte, ist für den Unterhalt die Stadt verantwortlich. Sich deshalb aber gegen den Bau einer solch grossen Halle zu stellen, sei politisch schwierig, sagt Eimer. «Man müsste den Einwohnern erklären, dass wir den Rolls-Royce nicht annehmen können, weil wir kein Geld fürs Benzin haben.» Stein am Rhein hat das seltsame Problem, gleichzeitig über zu viel und zu wenig Geld zu verfügen.

800 000 Gäste im Jahr

Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. «800 000 Gäste im Jahr bringen Wertschöpfung. Unsere Stärke ist der Tagestourismus.» Weil die Wertschöpfung steigt, wenn die Gäste länger bleiben, versucht die Kulturstadt Stein am Rhein Angebote zu schaffen. In diesem Jahr kommt es zum Beispiel erneut zu einer Aufführung des Schauspiels «No e Wili», ein Stück mit einer bemerkenswerten Geschichte. Seit 1924 wird es in unregelmässigen Abständen aufgeführt. Zu jener Zeit ging es den Einwohnern von Stein am Rhein schlecht. Die Sparleihkasse hatte die verwalteten Gelder mit der Reichsmark gekoppelt, was wegen der einsetzenden Inflation zu erheblichen Verlusten führte. Das Schauspiel, an dem sich hunderte Einwohner beteiligten, sollte Ablenkung, Zusammenhalt und Einnahmen bringen.

Bedarf für Ablenkung hatten die Steiner in ihrer Geschichte mehrmals. Am nachhaltigsten im Gedächtnis ist wohl bis heute der Bombenangriff vom 22. Februar 1945, dem vier Frauen und fünf Kinder zum Opfer fielen. Ob die Amerikaner Stein am Rhein fälschlicherweise für Deutschland gehalten hatten, ist bis heute nicht belegt. Wiedergutmachung haben sie jedoch bezahlt. Trotzdem: «Der Tag ist bis heute eine Zäsur in der Stadtgeschichte», sagt Eimer.

Toggenburger Stadtpräsidentin

Die Probleme, die Stein am Rhein heute belasten, sind verglichen dazu natürlich bescheiden. Die Aufführung des grossen Theaterstücks ist daher nicht als Ablenkung zu verstehen, auch wenn erneut rund 300 Laien mitspielen. In diesem Jahr soll damit ein Teil zum Mittelalterjahr des Konstanzer Konziljubiläums beigetragen werden. Am 9. Juli fand die Premiere statt. In fünf Wochen werden rund 25 000 Besucher erwartet. Sollten darunter Toggenburger sein, wird sich Eimer vermutlich besonders freuen. Obwohl heute in Stein am Rhein zu Hause, ist die Stadtpräsidentin mit dem Toggenburg eng verknüpft. Der Heimatort der Familie ist Magdenau-Degersheim, jener ihres Mannes Alt St. Johann. Als Kind verbrachte sie jeden zweiten Samstag bei den Grosseltern in Ganterschwil und in den 80er-Jahren war sie als Lehrerin in Bazenheid angestellt. Sie sagt denn auch: «Eigentlich schade, dass ich mit Stein im Toggenburg keinen Austausch habe.»


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