Scherenschnitt für Brutfuederträger

Werktags baut er Lüftungsanlagen, am Wochenende elegante Installationen für das Toggenburger Museum: Seit vier Jahren ist Kurt Zwingli der Mann für die Technik im Team des Lichtensteiger Museums. Auch, weil er selbst leidenschaftlicher Sammler und Hobby-Historiker ist.
12. März 2014, 14:44
HANSRUEDI KUGLER

WATTWIL. Dieser Auftrag macht ihm besonders viel Spass: Für die kommende Sonderausstellung über Toggenburger Heiratsbräuche schneidet Kurt Zwingli die Silhouette eines 1,60 Meter grossen Mannes aus dem Stahlblech. Leicht gebückt schreitet diese Metallfigur voran, auf seinem Rücken trägt sie einen zwei Meter hohen Schrank. Brutfuederträgete – so nennt sich die Tätigkeit. Sie gehört zu den bemerkenswerten und heutzutage fast vergessenen Traditionen: Nachbarn, Freunde, Verwandte trugen bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein die komplette Aussteuer der frisch Vermählten zu ihrem neuen Wohnort. Auf alten Fotografien sieht man wahre Karawanen von Brutfuederträgern von Dorf zu Dorf und auf Hügel hinauf gehen. Auf ihren Rücken: Schränke, Bettgestelle, Truhen und allerlei Hausrat. Im Kellergewölbe des Toggenburger Museums wird die Metallfigur eines der Prachtstücke der Ausstellung – und sicher ein Blickfang.

Besonderes Flair für Geschichte

Kurt Zwingli ist gelernter Bauspengler. Seit 1972 arbeitet er bei der Windirsch AG in Wattwil, die sich auf Lüftungsanlagen spezialisiert hat. Schon die Lehre hat er bei derselben Firma gemacht. Unter der Woche ist er meist in der Werkstatt an der Arbeit. Es gibt aber auch Ausnahmen: Diese Woche ist er zum Beispiel auf Montage auf dem Säntis, wo er im Sendeturm in 105 Metern Höhe einen Ventilator ersetzt. Auf Montage sei er sonst selten, sagt er. Er sei mehr der Mann für die exakte Herstellung von Dachkännel (Regenrinnen), Abdeckungen und Lüftungskanälen. Dass er auch eine Leidenschaft für die Toggenburger Geschichte besitzt, ist schon Hans Büchler, dem ehemaligen Kurator des Toggenburger Museums, aufgefallen.

Denn Kurt Zwingli sammelt seit vielen Jahren Stiche: Vor allem solche des Toggenburger Zeichners und Kupferstechers Johann Baptist Isenring aus Lütisburg, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Landschaftsbildern erfolgreich war. Von Hans Büchler liess sich Kurt Zwingli jeweils bei Ankäufen beraten. Zum Kupferstecher Isenring hat er zudem indirekt ein verwandtschaftliches Verhältnis. Seine Frau Brigitte ist eine gebürtige Isenring und entfernt mit dem Kupferstecher verwandt. Gesammelt habe er aber schon, bevor er seine Frau kennengelernt hat, sagt Kurt Zwingli. Unterdessen ist seine Isenring-Sammlung fast vollständig. Seine Leidenschaft für die Historie hat ihn auch zum Sammeln von historischen Postkarten geführt. Dabei interessiert ihn vor allem die Veränderung der Siedlungsstruktur. Er besitzt unter anderem 400 Postkarten mit Wattwiler Dorfansichten.

Damit nicht genug: Auch einen Zwingli-Familienstammbaum hat er erstellt. Allerdings sei er kein Nachfahre des Toggenburger Reformators Huldrich Zwingli. Die Quellen besagen, dass dessen Familienlinie nach drei Generationen ausgestorben sei. Sein Stammbaum gehe bis ins Jahr 1604 zurück. Jene frühesten Vorfahren lebten in Starkenbach. Wattwiler Bürger seien «seine» Zwinglis erst ab 1784, erläutert Kurt Zwingli.

Sockel für iPads und Tunnels

Der Brutfuederträger ist nicht das erste Metallobjekt, das Kurt Zwingli für das Toggenburger Museum anfertigt. Die jetzige Kuratorin Christelle Wick hat die Sonderausstellungen intensiviert und hat sich zum Ziel gesetzt, mindestens eine Sonderausstellung pro Jahr zu zeigen. Zu den vielen Eigenleistungen gehören auch technische und bauliche Spezialanfertigungen. So hat Kurt Zwingli vor zwei Jahren für die Ausstellung über Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs elegante Metallsockel mit abgeschrägter Plattform gebaut. Aus der Not eines knappen Museumsbudgets heraus kam er auf die Idee, Lüftungsrohre für die Sockel zu benutzen. Auf diesen Sockeln wurden dann iPads montiert, auf denen die Besucher Filmaufnahmen mit Zeitzeugen anschauen konnten. Anlässlich 100 Jahre Rickentunnel hat er für das Schaufenster ein Tunnelportal aus Metall gebaut. Das Material bekam das Museum jeweils gratis von der Windirsch AG gesponsert, die Arbeit macht Kurt Zwingli in seiner Freizeit, abgegolten mit einem bescheidenen Honorar.

Fast wie durch Butter schneiden

Am vergangenen Samstag also stand Kurt Zwingli den ganzen Tag in der Produktionshalle der Windirsch AG in der Wattwiler Wenkenrüti. Die Silhouette war vorher von Christelle Wick auf Papier gezeichnet worden. Die Blechschere schneidet durch das verzinkte 0,75 Millimeter dünne Stahlblech wie durch Butter – so scheint es für den Betrachter. Der Selbsttest aber zeigt, dass es dafür eine kräftige Hand braucht. Kurt Zwingli lacht: «Mein Gewerbeschullehrer sagte immer: Ein Bauspengler muss eine Baumnuss mit Daumen und Zeigefinger aufdrücken können.» Vor dem Aufstellen im Museum wird er dem Brutfuederträger noch den Rücken verstärken – damit dieser schön gerade den Sommer hindurch die Sonderausstellung durchsteht.

Hochstig – Hochzeitsbräuche Toggenburger Museum Lichtensteig ab 5. April

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