SAC trotzt der Luxuslösung

Die «Hötteträgete» ist jährlich der ultimative Anlass des SAC Toggenburg. Auch am Samstag haben wieder über 100 Mitglieder sechs Tonnen Material auf die Zwinglipass-Hütte geschleppt.
02. Juli 2012, 01:36

Eigentlich wäre logistisch alles ganz einfach. Die Toggenburger Bergwanderer und Kletterer könnten sich wie die Alpenclub-Kolleginnen und Kollegen anderer Regionen einen Helikopter chartern und das Material zur Clubhütte fliegen lassen. Vom Aufwand und Ertrag oder der Kostenrechnung liesse sich ein Flug pro Jahr vertreten und verkraften. Die Mitglieder sehen dies grundsätzlich gleich. Und wollen trotzdem nichts von der kräfteschonenden Luxuslösung wissen – aus Überzeugung.

120 Mann für sechs Tonnen

Also treffen sich jeweils rund 120 Frauen, Kinder, Männer, Senioren, Junioren, Vorstandsmitglieder, Kletterer, Freizeitwanderer, Veteranen am letzten Juni-Samstag morgens um Viertel vor sechs in Wildhaus zur «Hötteträgete» oder übernachten am Vorabend am Fusse des Altmanns. Das Material wird von der Alp Tesel (1433 m ü. M.) mit der Transportbahn zur Chreialp (1817 m ü. M.) befördert – und dann geht's los. Sechs Tonnen müssen in Rucksäcken, mit «Räfs» oder per Hand geschleppt werden: Wein, WC-Papier, Holz, erstmals auch 1,6 Tonnen Bier und Saft, Suppe und was es sonst zum Hüttenleben braucht, gilt es steil nach oben zu buckeln.

Ein durchschnittlich trainierter Wanderer gerät bereits in den Serpentinen zur Fassstation schon leicht in Atemnot. Doch oben in der traumhaften Landschaft werden ihm bei strahlendem Sonnenschein und wild pfeifenden Murmeltieren zu den eigenen noch zusätzliche Kilos aufgeladen. Die konditionellen Überflieger transportieren auf dem Rücken in rund 20 Minuten einen kompletten Glasflaschen-Harass oder «rugeliweise» Holz nach oben. Damit es den Sprintern vom Zwinglipass nicht langweilig wird, tragen sie abwärts Leergut mit. Und dies nicht ein- oder zweimal. Ab der fünften Runde wird den rasenden zweibeinigen Gemsen mit einem Zungenschnalzen begegnet.

Jeder, was er kann

Was die jungen Wilden und die wilden Alten leisten, ist beeindruckend. Aktuarin und Vizepräsidentin Ruth Lüthi notiert zwar im «Hötteträger»-Buch jeden Gipfelstürmer, aber es spielt keine Rolle, wer wie viel schleppt. Das Gemeinschaftserlebnis, neudeutsch der Event, steht für die Sherpas im Zentrum. Jeder erledigt das, was er zu leisten vermag, niemand muss zu irgendetwas aufgefordert werden. Die einen erholen sich vor der Zwinglihütte etwas länger bei Bouillon, Tee und andern Getränken als andere, wer nach drei Runden die Gelenke spürt, gibt Forfait. Unterwegs begegnen sich Siebzigjährige und junge Familien, begrüssen sich alte und neue Bekannte, genehmigen sich erfahrene Träger einen «Schnupf».

Verpflegung gewährleistet

Der neue Hüttenchef Hans Egli, Gähwil, – er hat das Amt nach der 21jährigen Ära des Wattwiler Ehepaars Eugen und Marie-Louise Kressibucher übernommen – zeigt sich begeistert vom Einsatz der Freiwilligen-Schar. Um 12.45 Uhr kann er die Übung «Hötteträgete» mit einer Suppe als beendet erklären. Wer irgendwann bis Juni 2013 auf der 1970 – also 100 Jahre nach der Clubgründung – eingeweihten Zwingli-Hütte rasten möchte, der kann versorgt werden. Die von Sektionsmitgliedern an den Wochenenden und während der Ferienzeiten ehrenamtlich geführte einfache Bewirtung wird bleiben.

Kein Strategiewechsel

Mehrmals traut sich ein Helikopter in Geräusch- und Sichtnähe der durchschwitzten SAC-Familie. Ob irgendwann doch Rotoren die Füsse ersetzen? Es lässt sich unter den Idealisten niemand finden, der mit einem Strategiewechsel liebäugelt. «Die <Hötteträgete> gehört zu uns, sie macht uns im Vergleich zu andern SAC-Sektionen einzigartig, gibt uns den nötigen Zusammenhalt», heisst es überall. Käme es anders, werde er austreten, sagt ein keuchender Sherpa. Auch er bremst den Helikopter ohne Rücksicht auf die eigene Befindlichkeit aus. Nächstes Jahr wird er wie seine Mitstreiter wieder schleppen.

Urs Huwyler


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