Protuberatoren zerlegen die Symbole der Macht der Diktatoren

Kunst darf mithin auch provozieren. Wer bei der Aktion «Oil for Tractor» provoziert werden sollte, bleibt allerdings unklar. Trotzdem war die 24-Stunden-Performance in der Dietfurter Rittberghalle ein vielbeachteter Anlass.
14. September 2009, 01:02
Michael Hug

Dietfurt. Ein Traktor kann vieles. Mitunter in der Landwirtschaft als kraftstrotzendes Arbeitsgerät treu seine Dienste leisten. Aber er kann auch als Metapher für Macht dienen. In sozialistisch orientierten Gesellschaften gehören die Traktoren den Machthabenden. Ob dies das Volk ist oder ein Einzelner, ist nicht immer klar. Für die Kunsthallen Toggenburg schon. Unter dem Titel «arthur#4 – 7 Diktatoren auf 7 Traktoren» schrieben sie einen Wettbewerb aus, der Sieger sollte mit einer Ausstellung in der Dietfurter Rittberghalle beglückt werden. Im Wettbewerbstext hiess es: «Ein skurriles Reich aus 7 Territorien, 7 Völkern und 7 Ideen. Die Protuberatoren ordnen die Entwendung der Traktoren an und wollen damit den Umsturz einleiten. Der einzige noch verbliebene Traktor wird deshalb in Einzelteile zerlegt. Oil for Tractors heisst dieses Ritual.»

Zerstörerisches Werk

Nun machte sich also die Wiler Künstlergruppe OHM41 am Samstag ans zerstörerische Werk. Von morgens sechs Uhr bis nächsten Tags um die gleiche Zeit, also 24 Stunden, dauerte die Aktion. Vier Protuberatoren (siehe Kästen) schraubten einen blauen Ford-Traktor, der zuvor mehrere Jahrzehnte als Schulungsfahrzeug bei der Thurgauischen Landwirtschaftsschule gedient hatte, Stück für Stück auseinander. Begleitet und unterbrochen wurde die als Kunstperformance zu betrachtende Aktion mit regelmässigen Manifesten zum Thema. Begleitet wurden die Künstler-Mechaniker auch durch rund 250 Zuschauende, die sich im Laufe des Tages über den Stand der Zerlegung informierten. Ihnen wurde der Sinn der Aktion durch «S'Gschichtli vu de sibe Diktatore und de sibe Traktore» nähergebracht. Leo Morger, Mitglied es Vereinsvorstands der Kunsthallen, erzählte das Märchen im Duktus von Trudi Gerster äusserst humorvoll.

Teile in Folie verpackt

Damit der Traktor als Symbol der Macht niemals wieder instrumentalisiert werden kann, wurden zahlreiche Einzelteile ans Volk – sprich: Publikum – in hygienisch sauberen Plastikfolien vakuumiert und verkauft. Oliver Kühn, Leiter des Sirnacher Theater jetzt!, richtete in einer «Cultus revolutionaris» die letzten Worte an den Traktor. Mehrere angeleitete Meditationen stimmten das ständig wechselnde Publikum aufs Thema ein. Um Mitternacht rappte das St. Galler Hip-Hop-Quartett «JAScrew» gegen den drohenden Halbschlaf bei Künstlern und Zaungästen. Auf einer Leinwand wurde permanent ein Werbefilm für Hürlimann-Traktoren gezeigt. Das Thema in allen Facetten zu erkunden wurde dem Publikum mit diesen Rahmenaktionen leicht gemacht. Bleibt am Schluss die Erkenntnis: Allzu ernst nehmen sollte man das Ganze nicht!


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