«Krempel» mit ideellem Wert

LICHTENSTEIG. Ist das Erbstück der Grossmutter ein Kunstschatz oder nur wertloser Schnickschnack? Unter dem Motto «Kunst und Krempel» hat das Team des Toggenburger Museums in Lichtensteig die Bevölkerung eingeladen, ihre alten Gegenstände auf Alter, Herkunft und Wert schätzen zu lassen.
02. November 2015, 07:00
MIRJAM BÄCHTOLD

Hans Büchler öffnet eine Kartonschachtel, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Der Karton ist vergilbt, das Alter ist ihm anzusehen. Die Umstehenden warten gebannt, was zum Vorschein kommt – und sind erst mal ratlos, als der Historiker den Gegenstand auf den Tisch legt. Ein viereckiges Metallgehäuse, darin ein diagonal eingelegter Balken und eine eingespannte Rasierklinge. «Das ist ein Rasierklingenschleifapparat», lüftet Fridolin Eisenring das Geheimnis. Er hat den Gegenstand bei der Auflösung des Haushalts seiner Eltern entdeckt.

Schenkung fürs Museum

Hans Büchler testet den Apparat und schiebt die Klinge hin und her über den Schleifklotz, der mit Leder bespannt ist. «Das funktioniert noch einwandfrei, die Klinge ist messerscharf», sagt er. Er schätzt das Alter des Gegenstandes auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, also etwa auf 1880. «Man hat erst im 19. Jahrhundert begonnen, sich anständig zu rasieren. Und aufgrund der Metallprägung gehe ich davon aus, dass der Schleifapparat Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt wurde.» Fridolin Eisenring will den Gegenstand dem Museum schenken. «Ich finde es schön, dass ich etwas mitbringen konnte, das Hans Büchler bisher noch nicht kannte», sagt er.

Das Museumsteam freut sich über Gegenstände, die Aufschluss über frühere Zeiten geben. Das ist aber nicht der Grund, weshalb die Veranstalter die Aktion «Kunst und Krempel» durchführen. «Hans Büchler erhält oft Anfragen von Leuten, die ihre Gegenstände auf den Wert schätzen lassen möchten», erklärt Kuratorin Christelle Wick. Weil Hans Büchler nicht die Zeit hat, auf alle Anfragen zu reagieren, lädt das Museum die Leute ab und zu für Schätzungen ein. Dabei kommen oft interessante Gegenstände zum Vorschein, wie etwa eine Jasskartenpresse, die jemand vom Restaurant Schäfli in Wattwil mitgebracht hat. Kaum ist der Rasierklingenschleifapparat weggepackt, kramt ein Herr zwei Vasen aus einer Tragtasche. Sie sind identisch, aus Metall gegossen, den dunklen Bauch zieren Knabenfiguren, auf dem Griff sitzt eine Putte. Die Vasen sind oben geschlossen, daher ist schnell klar, dass sie nur als Zierobjekte verwendet wurden. «Die Vasen wurden vermutlich zwischen 1860 und 1900 gegossen», schätzt Hans Büchler. Sie seien Prachtsobjekten aus dem 17. Jahrhundert nachempfunden. Er schätzt den Wert auf 150 bis 200 Franken pro Stück, sie haben also weniger materiellen als vielmehr ideellen Wert. Der Besitzer, Hans Kempter, weiss noch nicht, ob er die Vasen verkaufen wird. Einen persönlichen Bezug dazu hat er jedenfalls nicht.

Ebenfalls mehr ideellen als materiellen Wert hat das Haarbild, das jemand mitbringt. Es besteht aus Ornamenten, die aus den Haaren einer Franziska Brülisauer geflochten sind, die Ende des 19. Jahrhunderts mit nur 17 Jahren gestorben ist. «Das Bild ist vor allem für die Angehörigen wertvoll. Verkaufen lässt es sich kaum», sagt Hans Büchler. Mit diesen Bildern habe man früher das Bedauern und den Verlust ausgedrückt. «Je jünger jemand gestorben ist, desto aufwendiger wurde das Bild gestaltet.»

Auf Flohmarkt entdeckt

Etwas wertvoller ist das Holzpferd, das früher als Marionette verwendet wurde und heute in der Stube von Elfi und Eugen Bollhalder hängt. Hans Büchler schätzt den Wert auf etwa 600 bis 800 Franken. Verkaufen will es das Ehepaar aber nicht. «Ich sammle Pferdefiguren. Diese habe ich günstig auf einem Flohmarkt gekauft», sagt Elfi Bollhalder. Das weiss bemalte Pferd ist sehr sorgfältig gearbeitet, mit roten Blumenmustern verziert und mit Mähnen- und Schweifhaaren ausgestattet. Hans Büchler nimmt an, dass es zwischen 1700 und 1750 geschnitzt wurde. Für Elfi Bollhalder hat die Holzfigur vor allem ideellen Wert. Sie packt sie sorgfältig ein und nimmt sie wieder mit.


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