Knallhart seziert

LICHTENSTEIG ⋅ Mit einem Bündel Dynamit eröffnete Kabarettistin Lisa Catena im Chössi-Theater ihr neues Programm. Es war ein «Tryout», eine bezahlte Hauptprobe.
02. Mai 2017, 05:19
Michael Hug

Michael Hug

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Es lief noch nicht so alles wie am Schnürchen. Auch das Zündschnürchen wollte am Samstagabend nicht so richtig brennen. Moderne Bomben würden elektronisch gezündet, doch Lisa Catena ging es vielmehr um den Überraschungseffekt. «Wenn Islamisten mit Sprengstoff hantieren, kommen sie schneller ins Paradies. Weil wir Schweizer mit Dynamit hantiert haben, kommen wir jetzt schneller ins Tessin.» Jetzt aber «nume nid gsprängt!», wie man in Bern, Catenas Heimat, zu sagen pflegt. Catena erstickt das Flämmchen an der Zündschnur im Wasserglas und grinst über beide Ohren.

Faustdick hinter den Ohren

Genau dort, hinter den Ohren, hat es die Catena faustdick. Vor wenigen Jahren war die Bernerin mit dem süssen Lächeln und den bitterbösen Witzen der Shooting Star der nationalen Kabarettszene. In ihrem vierten Programm setzt sie jetzt noch viel pointierter auf das knallharte Sezieren und Kommentieren der Aktualität und scheut darin vor nichts zurück. Ein Stückchen Wahrheit ist immer drin und nichts ist nur der Pointe wegen einfach dahergeredet. Da unterscheidet sich Kabarett von Comedy so wohltuend, das weiss Catena und handelt danach: «Darf Satire wirklich alles?» fragt sie irgendwann in der Mitte des Programms. «Nein, sie darf nicht alles, sie darf nämlich nicht humorlos sein.» Man muss ob der schmerzlichsten Wahrheit doch noch lachen können.

Deshalb kommt Lisa Catena mit einem sauber geschnürten Dynamitpaket auf die Bühne und plötzlich wird einem gewahr, dass diese rote Bombe auch echt sein könnte. Doch diesmal sei die Sache nicht gefährlich, das Sprengstoffbündel eine Attrappe zu Showzwecken. Dennoch, der Beginn der Menschheit hat auch mit einem Knall begonnen, sagt Catena: «Wenn es dänn nit klepft hätti, dä wäre mer etz all nit do!» Gut ist es, hier zu sein, aber so richtig erfreulich entwickelt hat sich die Menschheit nicht. Einige seien Affen geblieben, andere hätten die Steinerschule besucht. Und es dann doch zu nichts ­gebracht. Da schont sie sich auch selbst nicht und outet sich ­ als Schulabbrecherin, Matura­abrechherin, Jazzschuleabbrecherin: «Und etz bin daa u aui lose mer zue.»

Ungewollter Versprecher

Auch ihren ungewollten Versprecher haben alle gehört. Catena sprach vom «Kanton Toggenburg» statt vom Thurgau. Natürlich murrte das Publikum, worauf sie ihren Fehler korrigierte. Das nährt den Verdacht, dass die Kabarettistin die Schule vielleicht doch zu früh verlassen hat. Sie tröstet sich damit, dass andere auch nicht perfekt sind: «Wärs mit Zaale nit cha, dä geit zu de CS.» Die 38-Jährige, ohne jeglichen vorweisbaren Abschluss, hat zwei Stärken: Beobachtungsgabe und satirisches Talent. In ihrem ersten Programm (2012) betrachtete sie die Welt noch aus der Weltsicht des naiven Hippiemädchens Luna, nun macht sie ernst und kommentiert mit bitterbösen Statements die wahren absurden Outputs unserer Zeit. Die Show im «Chössi» am Samstagabend war ein «Tryout», eine öffentliche Hauptprobe, noch muss die Bernerin einiges runder schleifen an ihrem 90-minütigen Monolog. Doch «Nume nid gsprängt!» wird zweifellos die Kabarettszene sprengen.


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