Gewagter Ausblick

REGION ⋅ Jeweils im Herbst laden die Toggenburger Raiffeisenbanken zum Finanzapéro und wagen mit Experten einen Ausblick in die Wirtschaftsentwicklung des Folgejahres.
16. September 2016, 07:04
Christina Buchser

REGION. Vor drei Jahren war es der Börsenjournalist Jens Korte. Letztes Jahr Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff und heuer ist es Klaus W. Wellershoff, ehemaliger Chefökonom der UBS und heutiger Unternehmensberater, welcher auf Einladung der Toggenburger Raiffeisenbanken beim Finanzapéro einen Ausblick in die Wirtschaftsentwicklung bot.

Wirtschaft und Finanzen mögen trockene Themen sein, doch Klaus Wellershoff holte charmant, seine Thesen mit Bildern und Gedichten unterlegend, die über 200 Toggenburgerinnen und Toggenburger ab, welche der Einladung der Raiffeisenbanken gefolgt waren. «Herrscht Herbstzeitstimmung für Wirtschaft und Finanzen?», fragte er, der den Vortrag unter dieses Synonym gestellt hat. «Was ich heute schon sagen kann, ist: So schön wie heute, kann es gar nicht mehr werden.» Mit Augenzwinkern ergänzte er: «Aber Sie wissen ja, dass Konjunkturprognosen angewandte Psychologie sind.» Doch bevor Wellershoff sich seinen Thesen zuwandte, rezitierte er «Der Gewitterabend» von Georg Trakl. «O die roten Abendstunden! Flimmernd schwankt am offenen Fenster, Weinlaub wirr ins Blau gewunden, drinnen nisten Angstgespenster . . .»

Manch ein Zuhörer lauschte gebannt, andere etwas erstaunt. Was haben Gewitter mit Finanzmärkten zu tun, was mit Wirtschaft? «Für mich widerspiegelt dieses Gedicht die Emotionalität der Börse – man spürt die Spannung in der Luft, und irgendwann entlädt sie sich», erklärte Wellershoff. Seine erste These ist wenig überraschend. Seit Beginn der Finanzkrise 2008 wissen Interessierte: «Die Trendwachstumsraten fallen weiter». Die zweite These «US-Konjunktur wird zum Sorgenkind» untermauerte er mit der Feststellung «Wenn Investitionen negativ sind, kommt es immer zu einer Rezession», und aktuell sei es ziemlich eng, aber der Privatkonsum sei stark, so dass es unter Umständen dennoch halte.

Spannung steigt, der Euro auch?

Wellershoffs weitere These «Schweizer Konjunktur nicht über dem Berg» dürfte ebenfalls kaum jemanden überrascht haben. Rückläufige Unternehmensgewinne und der starke Franken wurden als mögliche Gründe genannt, warum Schweizer Unternehmen anfangen, im Ausland zu investieren und sich offen Gedanken über den Produktionsstandort machen. Etwas Erstaunen löste seine These «Der Euro wird stärker» aus und war entsprechend nach dem Vortrag Gesprächsstoff beim Apéro. Die Spannung stieg, als Klaus Wellershoff erstmals von Gewitterstimmung sprach, als er seine These «Inflationsraten beginnen zu steigen» aufnahm. In den USA werde die Inflationsrate von 0,9 auf 3% wachsen, womit man einem Gewitter nahekäme, so Wellershoff, aber in Europa dürfte dies nicht ganz so stark zu spüren sein. Klaus Wellershoff liess sich an diesem Abend auf eine einzige Prognose hinaus: Gemäss seiner Deutung der «Trendentwicklung der Renditen der 10jährigen Staatsanleihen» dürfte hier ein Zinstrend aufwärts beginnen. Aus seiner Sicht dürfte das sogar viel schneller vonstatten gehen als angenommen. Er zieht hierfür sogar das erste Quartal 2017 in Betracht. Ein letzter erfreulicher Ausblick nannte er: «Aktien sind nicht zu teuer . . .». Mit «Aktien sind nicht zu teuer . . ., aber akut gefährdet» kam er nicht nur zum Schluss seines Referats, sondern war – bildlich gesprochen – auch beim Gewitterabend angekommen: «Hier mache ich mir richtig Sorgen und verweise auf die rückläufigen Unternehmensgewinne und steigenden Zinsen.»


Leserkommentare

Anzeige: