Der Gort im Bild des Bauerntums

Der Anblick eines Gort ist den Toggenburgerinnen und Toggenburgern bekannt und – doch ist das Braunvieh mit dem weissen Bauchgürtel etwas Rätselhaftes, Faszinierendes. Ihn rückt das Toggenburger Museum in der aktuellen Sonderausstellung in den Mittelpunkt des hiesigen Brauchtums.
08. April 2013, 01:35
OLIVIA HUG

LICHTENSTEIG. Babeli Giezendanner, Johann Baptist Inauen, Johannes Tischhauser, Niklaus Wenk und Johann Georg Pfändler haben ihn gemalt. Bei genauerem Betrachten der Sennenstreifen und Bauernmalereien aus dem 19. und 20. Jahrhundert findet man ihn: Den Gort (Gurt-Kuh). Das Braunvieh mit der seltenen Fellzeichnung ist typischer Bestandteil des bäuerlichen Kulturgutes im Säntis-Gebiet, darf in einem Alpaufzug genauso wenig fehlen wie Schellenkühe, Geissen und Lediwagen. Gort und Blüem werden an Viehschauen in der Region speziell ausgezeichnet.

Doch so wie die Tiere mit dem weissen Band um den Bauch Bestandteil des hiesigen Bauerntums sind, sind sie sagenumwoben, ja gar etwas rätselhaft. Bringt der Gort Glück? Schreckt er Geister ab? Entsteht er durch einen Gen-Defekt? Oder handelt es sich bei ihm um ein Versehen – verursacht durch ein Schreckenserlebnis der braunen Mutterkuh?

Geliebter und geächteter Gort

Rund um Volksglauben, Mythos und Wissenschaft des Gorts dreht sich die Sonderausstellung «Gort – des Bauern Stolz» im Toggenburger Museum, die am Samstag Vernissage feierte und noch bis zum 2. Juni andauert. Gezeigt werden Malereien, Fotografien, Trachtenschmuck und Schnitzereien aus dem Fundus des Toggenburger Museums. Sie zeigen Öberefahrten, das Alpleben, Viehschauen oder bäuerlichen Alltag im Säntis-Gebiet. «Die Ausstellung bietet die Möglichkeit, die vielen Schenkungen von Privatpersonen aus dem Toggenburg einem interessierten Publikum zu präsentieren», erläutert Kuratorin Christelle Wick, welche die Sonderausstellung organisierte. Das Spezielle der gezeigten Werke und Objekte: Überall taucht der Gort oder der Blüem auf – und wenn sie auf einem Bild fehlen, so hat dies durchaus einen Grund.

Mit der Hochkultur der Braunviehzucht im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gerieten Gort und Blüem in Verruf, denn sie wichen von der Norm ab. So fehlen auf der 1880 entstandenen Malerei «Viehschau im Hemberg» von Babeli Giezendanner die Tiere mit der weissen Fellzeichnung gänzlich. Und doch widersetzten sich einige Bauern den Bussandrohungen und züchteten die raren Schönheiten weiter. Im Volksglauben soll der Gort im Stall gar Glück gebracht haben – oder seine weisse Zeichnung soll Indikator für eine gute Milchleistung gewesen sein. Auch heute werden die Tiere rege gezüchtet, im Katalog von Swissgenetics lässt sich sogar der Samen von Gort-Stieren kaufen, obschon trotz Forschungen seiner genetischen Veranlagung nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden kann, dass Gort-Mutterkuh und Gort-Stier ein Gort-Kalb erzeugen. «Sowohl schwierig als auch spannend an der Thematik ist, dass sich so gut wie keine Literatur darüber finden lässt», sagt Christelle Wick. Der Gort, der nicht häufiger als zu einem Prozent im Bestand der Braunviehkühe und -stiere vorkommt, ist also auch heute noch immer ein faszinierendes Rätsel.

Blüem beim Öberefahre

Dass sich das Toggenburger Museum in der Sonderausstellung des Brauchtums annimmt, rührt nicht von ungefähr. Auslöser ist ein Holzchüeli aus dem Lichtensteiger Museum, das ab Anfang Mai die Schweizerischen Briefmarken ziert (siehe Kasten). Rund um das etwa 100jährige Gort-Chüeli ist die Ausstellung entstanden, wovon es nun ein kleiner Bestandteil ist. Grosse und aussergewöhnliche Werke von bekannten wie auch von grossmehrheitlich unbekannten Herstellern erzählen von der Geschichte eines Brauchtums und dem Bild des Gorts in der Geschichte. Beachtlich auch der über vier Meter lange Sennenstreifen des Neckertaler Malers Johann Georg Zähndler, der naiv und beschönigend eine Alpfahrt vor detailgetreuer Darstellung der Neckertaler Kulisse zeigt. Eindrücklich, wie Niklaus Wenk in seiner Darstellung der Lawinenniedergänge über Wildhaus im Jahr 1945 einen Gort in den Viehbestand der namentlich aufgeführten Älpler zeichnet. Überraschend, wie eine simple, dem Spielen dienende hölzerne «Beechue» einen eingeschnitzten Gurt um den Bauch trägt.

Chüeli auf der Kleidung

Die Sonderausstellung ist gemäss der Kuratorin den Jahreszeiten, wie sie den bäuerlichen Alltag bestimmend waren und immer noch sind, folgend aufgebaut. So hat doch der Bauer während der kalten Wintermonate Zeit für Musse: also für Schnitzen von Spielzeug oder Deko-Kühen oder Malen von Sennenstreifen. Im Frühling steht dann das Öberefahre im Mittelpunkt, worauf die Alpzeit im Sommer folgt, da die Bauern ihr Vieh fernab des Tals nach draussen schicken und Milch zu Käse verarbeiten.

Auch die Kleidung, welche die Bauern traditionell getragen hatten, findet mit einem Herzschlüfer und Fueterschlutten aus dem 19. Jahrhundert (Schenkung aus dem Eigentum von Johann Kaspar Giger aus Ennetbühl) sowie handgefertigtem Trachtenschmuck Platz in der Sonderausstellung. Wer genau hinschaut, entdeckt auch dort das Tier mit dem weissen Gurt. Den Abschluss des Bauernjahres bildet nicht zuletzt der wichtige Brauch der Viehschau.

Sonderausstellung «Gort – des Bauern Stolz» im Toggenburger Museum, Lichtensteig. 6. April bis 2. Juni, jeweils Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr. Gruppenbesuche ausserhalb dieser Öffnungszeiten auf Anfrage.

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