Das «Gold der Thur» gesammelt

BAZENHEID ⋅ Der Bestand der Äsche, die in der Thur ihren Lebensraum gefunden hat, ist nicht sehr gross. Die Fischer verzichten darauf, die Äsche zu fischen. Aber sie tragen mit «künstlicher Befruchtung» wesentlich dazu bei, die Fischart zu erhalten.
20. April 2016, 07:53
SABINE SCHMID

BAZENHEID. Ist der Zeitpunkt ideal? Der kantonale Fischereiaufseher Christoph Mehr weiss es nicht. Auch Fabian Sternig, Präsident des Fischereivereins Thur und Verantwortlicher für die Fischhälteranlage in Bazenheid, hat keine Gewissheit. Die Äschen, die in den Becken der Hälteranlage leben, zeigen durch ihr Verhalten, dass die Paarungszeit begonnen hat, so dass sich nebst Mehr und Sternig noch weitere Fischer einfinden, um die Äschen zu streifen. «Streifen heisst, dass wir mit sanftem Druck den weiblichen Tieren die Eier und den männlichen Tieren den Samen entnehmen. Samen und Eier werden dann vereinigt», erklärt Christoph Mehr.

So wenig Stress wie möglich

Bevor dies geschieht, müssen die Fische aus den Becken gefischt werden. «Im einen Becken leben rund 15 ältere Äschen», erklärt Fabian Sternig. Sie werden als erste herausgenommen. «Wir möchten, dass die Tiere möglichst wenig Stress erfahren», sagt Sternig weiter. Daher werden die Tiere in Wasser gebracht, das mit einigen Tropfen Nelkenöl, einem leichten Betäubungsmittel, vermischt ist. Nach wenigen Minuten werden die Äschen ruhiger, lassen sich nun einfach behändigen und die Prozedur über sich ergehen. Christoph Mehr, Fabian Sternig und der pensionierte Fischereiaufseher Mario Rova nehmen die Fische und streifen sie. Mit der Ausbeute sind die drei nicht zufrieden. Sie sind sich einig, dass der Reifezeitpunkt noch nicht optimal ist und sie die Fische noch einmal streifen müssen. Aber allzu lange dürfen sie nicht warten. Denn wenn die Eier überreif sind, werden sie nicht mehr befruchtet. Daher soll die zweite Streifung in einer Woche erfolgen.

Nachher kommen die Fische in eine Zwischenhälterung mit Frischwasser, wo sie sich erholen können. «Erst nachdem sie aus der Betäubung aufgewacht sind, kommen sie in ihr angestammtes Becken zurück», erklärt Fabian Sternig. Diese Zwischenstation sei nötig, weil die Äschen sonst am Beckengrund schwimmen würden und sich dort die heikle Haut aufschürfen könnten.

In Rorschach ausbrüten

Im zweiten Äschenbecken leben Jungtiere, von denen einige in diesem Frühjahr erstmals geschlechtsreif sind. Über 200 Stück sind es, die nun gestreift werden. Wie gross die Ausbeute sein wird, ist lange unklar. Schliesslich werden es 2,6 Liter Laich sein, was rund 46 000 Äscheneiern entspricht. Noch am selben Abend bringt Christoph Mehr die befruchteten Eier in die kantonale Fischzuchtanlage nach Rorschach. Dort werden sie in grossen Gläsern – so genannten Zugergläsern – ausgebrütet. «Die kleinen Fischchen bleiben bis zum Sommer in Rorschach, wo sie auf das Leben in freier Wildbahn vorbereitet werden», erklärt Christoph Mehr.

Danach werden sie, wiederum von Mitgliedern des Fischereivereins Thur, in Fronarbeit in ihren natürlichen Lebensraum in der Thur ausgesetzt. Die Äschen in der Fischhälteranlage in Bazenheid werden ausschliesslich zu Zuchtzwecken dort gehalten. «Unsere Thur-Äsche ist bedroht. Mit unseren Massnahmen unterstützen wir die Natur und versuchen, meist durch den Menschen verursachte Defizite im Lebensraum zu kompensieren», sind sich Christoph Mehr und Fabian Sternig einig.

Die Natur unterstützen

In der freien Wildbahn legen die weiblichen Fische ihre Eier in so genannten Laichgruben im Kiesbett ab. Die Erbrütungszeit der Eier fällt oft, und in den vergangenen Jahren eher verstärkt auftretend, mit starken Frühlingshochwassern zusammen. Dies hat zur Folge, dass die Eier weggeschwemmt oder sogar im Kiesbett zerstört werden, was den Ausfall eines ganzes Jahrgangs bedeuten kann.

Der Bruterfolg in der Fischzuchtanlage ist ungleich grösser, die Chance, dass eine Äsche in der Thur gross wird, ist realistisch. Fabian Sternig nennt die Äschen in der Fischhälteranlage in dem Zusammenhang darum auch «Gold der Thur».


Leserkommentare

Anzeige: