Auf des Wassers Spuren im Alpstein

Ist eine Wasserversorgung für die Zwinglipasshütte mit Wasser aus Höhlen möglich? Diese Frage stellte sich der Geologe Stephan Wohlwend und fand mit dem Höhlenforscher Richard Graf heraus, dass das Gebiet rund um den Zwinglipass geologisch vielfältiger ist als vermutet.
23. Juli 2011, 01:06
URS M. HEMM

ZWinglipass/Wildhaus. Polternd rollen ein paar Steine gegen die Wand der Höhle, als die kleine Gruppe halb kletternd, halb rutschend die so genannte Eingangshalle der Huldrychhöhle erreicht. Die Luft fühlt sich wärmer an als an der Oberfläche, da es absolut windstill ist. Aber es ist sehr feucht. Unentwegt suchen sich Tropfen von der Höhlendecke ihren Weg nach unten, um dann auf dem nackten Felsen zu zerstieben, so dass die kleinen Nebeltröpfchen im Licht der starken Stirnlampen tanzen. «Das war jetzt der einfache Teil», erklärt Richard Graf von der Ostschweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung (OGH), der diese kleine Expedition, bestehend aus Forschern und Interessierten von der Zwinglipasshütte, leitet. Damit deutet er auf einen flachen Durchgang, den gerade noch ein kleiner Hund aufrecht durchqueren könnte. Auf dem Rücken liegend, mit den Füssen voraus, schiebt er sich durch die kleine Öffnung. Langsam verschwindet das Licht seiner Stirnlampe in der Dunkelheit, bis lediglich das Kratzen seiner Kleidung an den scharfkantigen Felsen zu hören ist. Einer nach dem anderen quetschen sich die Mitglieder der Gruppe durch den engen Schlauch, der sich nach etwa drei Metern zu einem zweiten, grösseren Raum weitet.

Die Vermutung

Ab hier übernimmt der Geologe Stephan Wohlwend die Spitze. Geübt steigt er über eine rund 15 Zentimeter breite Strickleiter gut zehn Meter senkrecht in die Tiefe. Die dünnen Aluminiumsprossen der ständig schwankenden Strickleiter fühlen sich durch die Gummihandschuhe kalt und rutschig an. Stephan Wohlwend beleuchtet einen engen Gang, der noch tiefer in die Höhle hinein führt und folgt ihm eine paar Meter. «Das Wasser, das für die Versorgung der Hütte in Betracht kommt, liegt noch ungefähr 20 Meter weiter hinten in der Höhle», sagt Stephan Wohlwend.

Als Mitglied der OGH und Leiter des Kinderbergsteigens und der Jugendorganisation beim SAC Toggenburg kennt er die Gegend rund um den Zwinglipass und die Hütte, die im Besitz des SAC Toggenburg ist, sehr gut. Aufgrund dieser Freizeitaktivitäten und aufgrund seines Berufes als Geologe stellte er sich die Frage, ob es möglich sei, die Zwinglipasshütte permanent mit Frischwasser aus Wasservorkommen in Höhlen zu versorgen. Die Zwinglipasshütte speist ihre Wassertanks momentan lediglich mit Regenwasser, was beispielsweise im Dürresommer 2003 zu einem Engpass führte. Aufgrund der verschiedenen Kalksteinschichten von der obersten Schicht, dem Seewerkalk, über die Garschellaformation bis zur Unterlage, dem Schrattenkalk, müsste das Wasser – in der Theorie – entlang der Garschellaformation abfliessen. Der Seewerkalk ist wegen seiner Beschaffenheit wasserdurchlässig, wo hingegen die Garschellaformation einen viel geringeren Kalkanteil aufweist und daher schwer löslich ist. Sie bildet so eine natürliche Barriere für Wasser im Untergrund.

Helfer in der Tiefe

Wasserführende Höhlen sind laut Höhlenforscher Richard Graf die Zwinglipass-, die Hüttenzwerg- und die Huldrychhöhle, die alle oberhalb der Hütte liegen und die alle im letzten Jahr noch Wasser führten. Darüber hinaus möchte Stephan Wohlwend untersuchen, ob die Quelle unterhalb der Hütte mit Wasser aus diesen Höhlen oder anderen Höhlen versorgt wird und somit auch als Wasserlieferant in Frage käme. «Da diese Untersuchung kein offizieller Auftrag des SAC, sondern eine persönliche Idee ist, habe ich die OGH um Hilfe angefragt, die in dieser Woche ein Forschungslager am Zwinglipass durchführt», sagt Stephan Wohlwend.

Für Richard Graf, der schon seit den späten Sechzigerjahren im Zwinglipassgebiet Höhlen erforscht, gehört es zu den Aufgaben der OGH, wissenschaftliche Projekte tatkräftig zu unterstützen. «Wir von der OGH können den Geologen und Hydrologen unsere Daten und unsere Hilfe vor Ort in den Höhlen zur Verfügung stellen», sagt Richard Graf. Der 58-Jährige organisiert seit 2007 jeweils im Sommer ein Forschungslager auf dem Zwinglipass. «Mit seiner einzigartigen Karstlandschaft bietet das Gebiet hier oben ideale Voraussetzungen für die Höhlenbildung», schwärmt er. Alleine rund um die Zwinglipasshütte habe die Höhlenforschergruppe seit 1980 über dreissig Höhlen gefunden, erforscht und die meisten vermessen und kartographiert, erzählt Richard Graf. Dabei würden sie sich nur auf Höhlen beschränken, die weiter als zehn Meter in den Berg reichen.

Gefärbtes Wasser

Faktoren, die für die Nutzung von Wasservorkommen entscheidend sind: der Aufwand zum Verlegen und Warten der Leitung, ein einfacher Zugang für den Unterhalt einer Pumpe sowie die Wasserqualität. Wie Richard Graf am Vortag festgestellt hat, führt die Zwinglipasshöhle in diesem Jahr kein Wasser, womit sie für die ständige Versorgung der Hütte wegfällt. Wie die Begehung am Morgen gezeigt hat, ist die Huldrychhöhle wegen des mühsamen Zugangs ebenfalls nicht geeignet. Für die Hüttenzwerghöhle gilt dasselbe: Sie ist rund 60 Meter tief.

Da sowohl Richard Graf als auch Stephan Wohlwend mit diesem Resultat rechneten, haben sie den Hydrogeologen Martin Herfort her gebeten. Er ist unter anderem Dozent an der ETH Zürich und lehrt hydrologische Untersuchungsmethoden. «Wichtig ist es jetzt, heraus zu finden, wo das Wasser hin fliesst, denn die Topographie an der Oberfläche entspricht nicht dem geologischen Verlauf in der Tiefe, sagt Martin Herfort. Das Wasser suche sich den Weg des geringsten Widerstandes, das heisst entlang der Röhren im Karst. Zudem könne das Wasser durch Brüche in den Schichten direkt ablaufen. «Um zu sehen, wohin das Wasser aus den benannten Höhlen fliesst, muss ein Färbemittel oder eine Salzlösung ins Wasser eingebracht werden», sagt der Hydrogeologe. Nur so könnten Austrittsstellen und die Fliesszeit des Wassers bestimmt werden. Letztere hat Einfluss auf die Wasserqualität. Denn je länger das Wasser in der Tiefe ist, umso besser ist die Quelle vor Verunreinigungen geschützt. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Tiefengeologie dieser Gegend müsste das Wasser aus den Höhlen in Richtung Wildhaus, also in Richtung der Quelle unterhalb der Hütte fliessen. Um diese umfangreichen Untersuchungen durchführen zu können, soll als nächstes eine Masterarbeit an der ETH Zürich ausgeschrieben werden.


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