Applaus für den König der Könige

Der «pensionierte» dreifache Schwingerkönig Jörg Abderhalden hat sich mit einem «Tschau zäme»-Fest in der Werkstatt der AAK Holzmanufaktur von Kollegen und vielen illustren Gästen verabschiedet. Bei der Standing Ovation war dann allen klar: Der Rücktritt ist definitiv.
31. Januar 2011, 02:33
Urs Huwyler

Vor dem alle sechs Jahre stattfindenden Unspunnenfest im Spätsommer in Interlaken wird es keine derartige Ansammlung von Schwingerkönigen, Eidgenossen und anderen Spitzenathleten mehr geben wie beim Abschiedsfest von Jörg Abderhalden am Freitagabend. Sein königlicher Nachfolger Kilian Wenger, die Vorgänger Thomas Sutter, Adrian Käser, Harry Knüsel als einziger Innerschweizer König, Silvio Rüfenacht und Arnold Ehrensperger, alle weilten sie unter den Gästen. Einzig Kilimandscharo-Berggänger Nöldi Forrer fehlte.

Es ist wirklich definitiv

Die bösen Berner um Matthias Sempach, die Innerschweizer Adi und Philipp Laimbacher, Heinz Suter aus dem Muotathal und die Nordwestschweizer Mario und Guido Thürig sassen neben der Toggenburger Fraktion und Nordostschweizer Elite. Nach dem Karrierenrückblick des Königs der Könige standen sie alle in der umfunktionierten Anderegg-Abderhalden-Künzli-Werkstatt. Spätestens bei dieser Standing Ovation für den erfolgreichsten Schwinger wurde allen bewusst: Das war's nun tatsächlich – nach zwölf Jahren Sägemehl-Dominanz. Wer auf den möglichen Rücktritt vom Rücktritt gehofft hatte, wusste in diesem emotionalen Moment mit viel Wehmut: Die Karriere mit den Titelgewinnen von 1998, 2004, 2007, den 51 Kranzfestsiegen, den 86 Kranzgewinnen und der Krönung zum Schweizer des Jahres 2007 ist abgeschlossen. Künftig dürfte der «pensionierte» König trotz der jugendlichen 32 Jahre als «lebende Legende» betitelt werden.

Fohlen statt Muni

Viele, die im Laufe der Zeit in irgendeiner Form mit dem einstigen Skitalent in Kontakt gekommen waren, sassen irgendwo unter den Gästen. Allen voran seine bessere Hälfte und Mitgastgeberin Andrea Abderhalden, «die mir den Rücken frei hielt», wie der König sagte. Wo Jörg drauf stand, steckte in der Vergangenheit schon mal Andrea drin, «denn einzelne schriftliche Interviews erledigte sie», liess er die Katze aus dem Sack. Seine Kinder hätten die Siege oder Niederlagen relativiert, erzählte der inzwischen dreifache Vater. Nach dem verlorenen Schlussgang am Unspunnenfest 2006 sei bei Tochter Lynn im Gegensatz zum Vater Freude aufgekommen, denn er gewann nicht den Muni, sondern das Fohlen. Mutter Rosmarie und Vater Jörg sowie die vier Geschwister Beat, Andrea, Urs und Marianne waren ein weiterer Rückhalt in der Karriere, die ab 2002 immer wieder von Verletzungen unterbrochen wurde.

Bruder: Gegner und Supporter

Eidgenosse Beat Abderhalden griff nicht nur als emotional leidender Bruder, sondern auch Präsident des Schwingklubs Wattwil zum Mikrophon und sagte das, was alle dachten: «Danke.» Unvergessen bleibt familienintern bestimmt der Schlussgang am St. Galler Kantonalen 1997 in Uznach, als Beat den kleinen Bruder im Schlussgang bodigte. Das sportliche Interesse wird sich bei den Abderhaldens nun auf den schwingenden Urs und Skifahrerin Marianne konzentrieren. Sie hätte in Sestriere um das WM-Ticket kämpfen sollen, doch eine Verletzung sorgte dafür, dass Marianne nicht Verschiebung um Verschiebung erdulden musste, sondern beim königlichen Abschied dabei sein konnte.

Verletzung wäre kein gutes Ende

Vielen Gästen dürfte kaum bewusst gewesen sein, wie nahe Jörg Abderhalden wegen seiner Knie- oder Schulterverletzungen vor einem vorzeitigen Rücktritt gestanden hatte. Pierre Hofer, der Arzt, dem der König vertraute, konnte nur bestätigen, dass jeweils medizinisch einiges nicht mehr so war wie es sein sollte. Trainer Robin Städler, den der Schreinermeister 2003 am Abschiedsfest des ebenfalls anwesenden Riesenslalom-Weltmeisters Mike von Grünigen kennen gelernt hatte, bebilderte die Zeit vom Unfall auf der Schwägalp 2009 bis Frauenfeld 2010. Fazit: Wenige Sportler hätten nach zehn Jahren Leistungssport die Energie, den Willen, die Selbstdisziplin, den Ehrgeiz, die Kraft und die mentale Stärke aufgebracht, um sich nach solchen Verletzungen zurück zu kämpfen.

«Mit einer Verletzung wollte ich nicht aufhören. Der zweite Rang am Eidgenössischen in Frauenfeld war ein würdiger Abschluss», bilanzierte der Platzhirsch. Die Karriere könnte nicht besser zusammengefasst werden: Jörg Abderhalden stand an fünf Eidgenössischen im Einsatz. Viermal bestritt er den Schlussgang. Frauenfeld war so gesehen für den Unspunnen- und Kilchberg-Sieger das schlechteste eidgenössische Fest. Die «Standing Ovation» der Könige, der Geschäftspartner Christian Anderegg und Hanspeter Künzli, der Aktiven aus den anderen Teilverbänden und der Gäste drückte die Wertschätzung und Bewunderung aus.


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