150 000 Tischsets – 10 000 Eintritte

Vor einem Monat hatte der Dokumentarfilm «Silvesterchlausen» des Wattwiler Regisseurs Thomas Rickenmann Premiere. Unterdessen haben ihn 10 000 Besucher gesehen – Thomas Rickenmann vermarktet das Nischenprodukt Regional-Heimatfilm geschickt mit Firmenanlässen und Tischsets.

14. Dezember 2011, 01:05
HANSRUEDI KUGLER

WATTWIL. Einen Film drehen ist das eine, das Publikum gewinnen das andere: «Marketing ist ein Vollzeit-Job», sagt Thomas Rickenmann. Nach «Schönheiten des Alpsteins» und «Panamericana» weiss er, wie man es macht: Werbekartons in den Appenzeller Bahnen, flächendeckende Verteilung von Flyern, Sponsoring durch Appenzeller Bier und Möhl sowie 150 000 Tischsets mit Zwei-Franken-Kino-Bon in Appenzeller und Toggenburger Restaurants. Thomas Rickenmann ist zudem ein nimmermüder Promotor in eigener Sache. Fast jeden Abend begleitet er seinen neuen Film «Silvesterchlausen» – in Kinos in Herisau, St. Gallen, Wattwil oder Heiden, aber auch in Zürich, Bern oder Basel und nimmt Bestellungen für die im Februar erscheinende DVD entgegen. So sind bereits 1000 Vorbestellungen eingegangen. Die vorläufige Bilanz an der Kinokasse: Diese Woche werde der Film «Silvesterchlausen» die 10 000-Marke überschreiten.

Bundesrats-Lob für Rickenmann

Seit seinem Überraschungserfolg «Schönheiten des Alpsteins», setzt Thomas Rickenmann ganz auf die Filmerei. Dank der erfolgsabhängigen Filmförderung des Bundes fliessen für Regisseur und Produzent Rickenmann knapp fünf Franken Fördergelder pro Kinoeintritt zweckgebunden in das nächste Filmprojekt. Der Erstling des gelernten Elektroingenieurs lockte 30 000 Zuschauer ins Kino und erhielt Lob von höchster Stelle: «Für mich im wahrsten Wortsinn ein Heimatfilm», schwärmte Bundespräsident Hans Rudolf Merz an den Solothurner Filmtagen 2009. Auch über «Silvesterchlausen», den neusten Streich des Wattwiler Regisseurs, gibt es von Hans Rudolf Merz nur Lob. Der Appenzeller alt Bundesrat war Ehrengast bei der Vorpremiere in Herisau. Eingeladen hatte Thomas Holderegger, Finanzchef der Blumer Techno Fenster in Waldstatt. Holderegger ist auch auf dem Kinoplakat zu sehen, versteckt unter der Maske eines «Schönen», einem Silvesterchlaus beim Zäuerlen bei Sonnenaufgang. Firmenanlässe wie diejenige von Blumer Techno Fenster sind ein wichtiges Standbein für Thomas Rickenmann: Vor der öffentlichen Uraufführung hatte er schon zehn solche Events durchführen können. «Wenn man schon vor der Premiere 1500 begeisterte Leute im Kino hatte, ist das beste Mund-zu-Mund-Propaganda», meint Rickenmann. Dass Hans Rudolf Merz an der Vorpremiere teilnehmen wird, wusste Rickenmann allerdings nicht. So musste er für das Promi-Foto auf die Schnelle einen Kollegen aufbieten. Das Foto mit Rickenmann und dem lachenden alt Bundesrat war dann zwei Tage später exklusiv in «20 Minuten» zu sehen. Auch dies der Erfolg des persönlichen Einsatzes: «Ich ging einfach selbst auf die Redaktion. Diese Strategie hat schon beim letzten Film <Panamericana> funktioniert», sagt Rickenmann. «E-Mails landen bei den Redaktionen nämlich meistens im Papierkorb.»

Marktnische Heimatfilm

Thomas Rickenmann setzt derzeit voll auf die Marktnische Regional-Heimatfilm. Dabei schöpft er das Zuschauer-Potenzial sehr überlegt aus. Die frühzeitig vereinbarte Zusammenarbeit mit den Regionalkinos ist ein wichtiges Element. Da kommt der Regisseur auch gerne mit einem gesponserten Apéro selbst in die Kinos. Schon beim Filmen hat er mit einem Auge darauf geachtet, dass ein möglichst breites Publikum angesprochen ist. «Wenn man nur an einem Ort dreht, kommt der Rest des Appenzellerlandes nicht ins Kino», sagt er. Auch darum drehte er nicht nur in Urnäsch, sondern auch in Herisau, Schwellbrunn, Teufen, Stein, Waldstatt und Hundwil. Ohnehin weiss Rickenmann genau, dass der grösste Teil des Publikums schon vor dem Kinobesuch mit dem Silvesterchlausen bestens vertraut ist, entweder als Chlaus oder als langjährige Zuschauer des Brauchs: «Beim Heimatfilm gilt: Die Leute sehen gerne, was sie schon kennen.» Selbst in ein Chlaus-Kostüm geschlüpft ist Thomas Rickenmann nicht. «Das Brauchtum gehört den Appenzellern, und ehrlich gesagt kann ich nicht mal zäuerlen.»

Nächstes Projekt: Alpleben

Ob sein Fan Hans Rudolf Merz selbst auch mal als Silvesterchlaus aktiv war, weiss Rickenmann nicht. Erzählt habe Merz ihm aber von seiner Sammlung geschnitzter Alpaufzüge, offenbar eine der grössten Privatsammlungen. Und ein Angebot habe er ihm gemacht, sagt Thomas Rickenmann. Falls der Wattwiler Regisseur mal einen Film über das Alpleben mache, solle er sich beim alt Bundesrat melden. Er zeige ihm für seinen Film gerne seine Sammlung. Tatsächlich geht Thomas Rickenmann für seinen nächsten Film selbst auf die Alp und glaubt wiederum an den Erfolg im Kino: «Denn das einfache Alpleben ist eine Sehnsucht vieler Menschen.»


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